MarktTreffs trotzen Mehrfach-Krisen: Nach Corona drohen hohe Inflation und steigende Energiekosten

BBE-Handelsberatung-Geschäftsführer zu Wandlungsfähigkeit von MarktTreffs

K i e l   MT 19.09.2022 – Die jährlich stattfindenden „MarktTreff-Gespräche“ mit Kaufleuten, Gastronom:innen und Bürgermeister:innen erlebten eine Premiere: Erstmals wurde ein Teil des Austauschs im August und September als Videokonferenzen durchgeführt. Erstes Resümee: Die Ergebnisse für das Jahr 2021 – betrachtet wird jeweils das zurückliegende Geschäftsjahr – profitierten überwiegend noch von der gut laufenden Konjunktur und der „Neuentdeckung“ der wohnortnahen Versorgung. Doch an vielen der rund 40 Standorte macht sich Nachdenklichkeit breit: Zusätzlich zum höheren Mindestlohn drohen Inflation und Energiekosten die künftigen Ergebnisse zu schmälern. 
Das Beraterteam der ews group und der BBE Handelsberatung wird gezielt auf diese Entwicklung reagieren und Unterstützung im Rahmen des MarktTreff-Netzwerkes anbieten.

In den vergangenen zwei „Corona-Jahren“ haben die Einzelhändler:innen ihre Funktion hervorragend erfüllt. Die betriebswirtschaftlichen Ergebnisse im Jahr 2021 zeigen: Nahezu sämtliche Standorte mit Lebensmitteleinzelhandel (LEH) profitierten weiter von den Vorteilen der wohnortnahen Versorgung – wenn auch in geringerem Maße als 2020. So verzeichneten eine Reihe von MarktTreff-Standorten im Betrachtungszeitraum 2021 weiter anhaltende, bis zu zweistellige Umsatz-Steigerungen. Die Gastronomie hatte 2021 bis in 2022 hinein mit zeitweisen Schließungen und Anlaufschwierigkeiten zu kämpfen – Fachkräftemangel kommt hier erschwerend hinzu. Dabei ist der „Mindestlohn“ häufig schon umgesetzt, ansonsten wäre kein Personal zu finden oder zu binden.

Oliver Ohm (BBE Handelsberatung) liefert die wirtschaftlichen Kennzahlen dazu: „14 Betreiber*innen steigerten im Jahr 2021 Umsatz oder Ertrag, 19 erzielten ein stabiles Ergebnis. In einer Phase des Auf- oder Umbruchs sind 10 Standorte. In akut kritischer Lage befindet sich aktuell kein Standort.“ Ohm führt diese positive Entwicklung vor allem auf eine gestiegene Wertschätzung der Läden in den MarktTreff-Dörfern, aber auch beispielsweise auf die Einbindung in ein funktionierendes Filialsystem zurück. Diese Strategie hält er weiter für empfehlenswert: „So kann es zu Synergien zu kommen: Denken Sie an die Preis- und Sortimentsgestaltung sowie an Personalplanung und -einsatz.“ Doch die aktuell einsetzende Kaufzurückhaltung müsse ernst genommen werden. „Was wir in 2022 feststellen, ist eine Hinwendung zu Discountprodukten. Das führt zu einem Rückgang bei den Gewinnspannen für die Kaufleute – und dem muss durch Einsparmaßnahmen und Marketing begegnet werden.“

Den Lieferanten kommt auch hier eine wichtige Rolle zu, der Trend zu Eigenmarken ist erkennbar. Die meisten Lebensmittelläden in MarktTreffs werden nach wie vor über die EDEKA (11) versorgt – sechs davon sind Filialbetriebe. Die REWE ist mit ihrer nahkauf-Schiene vertreten – sieben Läden sind mit REWE-Produkten bestückt. Fünf Läden werden durch Bartels-Langness beliefert. Die Zufriedenheit der MarktTreff-Kaufleute mit „ihren Lieferanten“ ist weiter groß. Besonders kleine MarktTreff-Läden organisieren sich zum Teil selbst oder über Speziallieferanten (z. B. Grell).

„Aktuell entwickeln sich die Energiekosten zum beherrschenden Thema“, erläutert Ingwer Seelhoff von der ews group. „Lag der Anteil 2021 noch durchschnittlich bei 2,5 Prozent der Gesamtkosten, ist 2022 mit erheblich steigenden Strom- und Gaskosten zu rechnen.“ Dies betreffe Einzelhandel und Gastronomie gleichermaßen. Der Tausch oder die Nachrüstung von Tiefkühl- und Kühlsystemen sei notwendig, „der Einsatz von Photovoltaik, Geothermie und Wärmepumpen sollte bei künftigen Planungen, aber auch Modernisierungen geprüft werden“. 

Die Unterstützung des Landes Schleswig-Holstein für „Modernisierungen“ an bestehenden MarktTreff-Standorten wird von Betreiber:innen und Bürgermeister:innen sehr positiv bewertet. Vor dem Hintergrund der Energiekrise und der einhergehenden Preisexplosion sind die Ziele aktueller denn je: nachhaltige sowie ressourcenschonende Ansätze für MarktTreffs zu schaffen, die Nutzungsmöglichkeiten dauerhaft zu erhöhen, Energie oder Wasserverbrauch einzusparen sowie das Klima zu schützen. Einzig das Antragsverfahren sowie insbesondere die spätere Abstimmung mit den Kreisen (bei Bauanträgen) ist als zu bürokratisch kritisiert worden.

Eine überraschende Entwicklung an den Standorten hebt Dieter Witasik (ews group) hervor: „Viele MarktTreff-Dörfer weisen neue Wohnbaugebiete und -plätze aus.“ Im Durchschnitt seien dies 10 bis 20 Grundstücke pro Gemeinde. Aufgrund der geringen Flächen bei zugleich hohen Baukosten werde über Mischnutzungen sowie neue Mehrgenerationen-Wohnformen nachgedacht. „Das klassische Einfamilienhaus scheint auch in ländlichen Gemeinden kaum noch finanzierbar.“ Insgesamt stellen wachsende Gemeinden ein Potenzial für die MarktTreffs dar, das zu heben sei.

Dazu passt gut der erhebliche Aufmerksamkeits-Schub, der durch die beiden im Sommer 2022 eröffneten hybriden Tante-Enso-Märkte in Brekendorf und Gülzow ausgelöst wurde. Bei vielen Gesprächen ist diese Variante der Nahversorgung mit 24/7-Öffnung und temporärem Personaleinsatz als zukunftsweisend hervorgehoben worden. Das Modell mit starker lokaler Verankerung durch begleitende Genossenschaften kann auch Standorte, die sich in einer Orientierungsphase befinden oder neue Konzepte erarbeiten, künftig beflügeln. Mit Interesse wird ebenfalls die von der EDEKA Nord in Zusammenarbeit mit einem MarktTreff-Kaufmann gestartete „Smart Box“ verfolgt: Ein ebenfalls 24/7-nutzbarer Markt, der auf 38 Quadratmeter Fläche rund 600 Artikel bietet – ohne Personal.

Bereits auf die im Frühjahr 2023 stattfindenden Kommunalwahlen blickt Ingwer Seelhoff: „Bei unseren Gesprächen haben einige langgediente und erfahrene Bürgermeister:innen angekündigt, nicht wieder anzutreten.“ Dabei sei das regelmäßige Werben für den „Einkauf im Dorf“ und die ideelle Unterstützung durch Amtsträger:innen notwendig und hilfreich. Dieses müsse auch nach einer Wahl im Fokus bleiben und verstetigt werden.

Ein Wechsel kündigt sich auch im Landwirtschaftsministerium an: Christina Pfeiffer, die seit 2000 beim Land das Projekt MarktTreff verantwortet, wird in wenigen Wochen ihren Schreibtisch räumen und in den Ruhestand wechseln. „Allen Betreiber:innen und Bürgermeister:innen danke ich für die außerordentlich gute Zusammenarbeit. Die aktuellen Ergebnisse und die neuen Entwicklungen stimmen mich weiter zuversichtlich. MarktTreff hat schleswig-holsteinische Dörfer gestärkt und bundesweit Zeichen gesetzt. Die Begleitung des ‚lernenden MarktTreff-Projektes‘ hat mir über all die Jahre hinweg sehr viel Freude bereitet!“

BBE-Geschäftsführer Berentzen: Hybride Angebote stoßen neue Entwicklungen an

Informationen zu Gründung und Betrieb eines MarktTreffs
Bei Interesse an der Gründung eines neuen MarktTreffs nehmen Sie bitte Kontakt auf mit dem Projektmanagement unter:
gruendung@markttreff-sh.de

Detaillierte Informationen zum Projekt MarktTreff mit vielen Arbeitshilfen und aktuellen Tipps finden Sie unter:
www.markttreff-sh.de

Fotos: ews group, BBE Handelsberatung

 

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