In unseren Gemeinden entscheiden wir die Zukunft – MarktTreffs sind ein Glücksfall fürs Land
K i e l MT 01.06.2026 – Der Schleswig-Holsteinische Gemeindetag (SHGT) begleitet und unterstützt das landesweite Projekt MarktTreff seit 1999, der ersten Stunde. Jörg Bülow lenkt seit 2004 als Geschäftsführendes Vorstandsmitglied die erfolgreiche Arbeit des SHGT und ist MarktTreff in den zurückliegenden 22 Jahren eng verbunden gewesen. Im SHGT sind derzeit 1.047 Gemeinden, 84 Ämter und 53 Zweckverbände organisiert und decken 87 Prozent der Fläche und 46 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner des Landes ab. Zu Mitte 2026 wird Bülow seine langjährige Wirkungsstätte verlassen und blickt hier im Interview auf besondere Höhepunkte zurück.
MarktTreff: Herr Bülow, auf der Homepage schreibt der SHGT: Ob staatliche Vorhaben gelingen oder nicht, hängt maßgeblich davon ab, wie die kommunale Selbstverwaltung funktioniert. Worin sehen Sie die Stärken dieser kommunalen Selbstverwaltung?
Jörg Bülow: Lokale Demokratie sowie die starke Rolle des gesellschaftlichen und kommunalpolitischen Ehrenamtes sind die entscheidenden Faktoren. Durch überschaubare Strukturen und die Nähe der Entscheidungsträger zu der örtlichen Aufgabenstellung gelingen in der Regel die besten Entscheidungen. Und kommunale Selbstverwaltung heißt eben vor allem: Die gewählten Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker setzen sich für die Zukunftsfähigkeit und die Lebensqualität ihrer Gemeinden ein, sind vor Ort bekannt und ansprechbar. Sie übernehmen Verantwortung und wollen für die bestmögliche Infrastruktur sorgen.
Bei Ihrem Eintritt in den SHGT im Jahr 2004 gab es 15 MarktTreffs. Heute wird die Zahl 50 für die multifunktionalen Dorfzentren in den Blick genommen. Wie bewerten Sie die Rolle von MarktTreff und was zeichnet das Projekt aus?
Bülow: MarktTreff bedeutet nicht nur, dass es an den 50 Standorten wieder ein Nahversorgungsangebot, Dienstleistungen und einen Treffpunkt gibt. Die eigentliche Botschaft geht über diese Standorte hinaus und lautet: Es gibt keine abschüssige Bahn bei der Entwicklung im ländlichen Raum. Sondern mit Einfallsreichtum und entsprechendem Willen der Gemeinde kann es gelingen, bestimmte Versorgungsangebote wieder zurückzuholen, dörfliche Standorte wieder zu stärken.
Außerdem zeichnet sich speziell MarktTreff durch entscheidende Merkmale aus: Flexibilität des Konzepts, stetige Weiterentwicklung, sehr professionelle Betreuung und ein breites Netzwerk im Land.
Zu Ihrem Stichwort „stetige Weiterentwicklung“: Digitalisierung und künstliche Intelligenz werden weiter zunehmen. Wo bleibt dabei der Faktor Mensch?
Bülow: Persönlich ärgere ich mich schon darüber, dass sich aktuell zum Beispiel Banken oder Ärzte immer mehr hinter digitalen Mauern verschanzen und niemand mehr ans Telefon geht. Ich persönlich glaube nicht, dass das eine gute Entwicklung ist.
In der Diskussion im Gemeindetag werden aber durchaus beide Perspektiven in den Blick genommen: Wir müssen einerseits die Digitalisierung der Verwaltung voranbringen. Denn nur so können wir auf den absehbaren Personalmangel reagieren und bringen für Bürger und Wirtschaft bestmögliche Verwaltungsleistungen. Auf der anderen Seite sagen uns aber viele Verwaltungschefs: Wir wollen für die Menschen weiter gut erreichbar sein und müssen uns auch um diejenigen kümmern, die eben keinen Zugang zur digitalen Welt haben. Das mit knappen Ressourcen auszutarieren, wird eine spannende Aufgabe sein.
Wo sehen Sie künftig die größten Herausforderungen für vitale ländliche Räume? Und wo sehen Sie große Chancen?
Bülow: Die ländlichen Räume wurden in den vergangenen Jahrzehnten von vielen geradezu schlecht geredet: nicht demographiefähig, schlechte Infrastruktur, schlechte Verkehrsverbindungen etc. Nichts davon hat sich bewahrheitet.
Mir ist um die ländlichen Räume gar nicht bange. Die Lebensqualität ist sehr hoch und gerade die Gemeinden in Schleswig-Holstein haben bewiesen, dass sie neue wirtschaftliche Chancen wahrnehmen und die Infrastruktur mit Mut und schnellen Entscheidungswegen voranbringen können. Wir haben das schnellste Internet aller Bundesländer, übrigens hauptsächlich von den Kommunen erbaut.
Entscheidend ist, dass die Gemeinden hierfür verlässlich ausreichende finanzielle Mittel zur Verfügung haben. Dann werden sie damit weiter kluge Entscheidungen treffen und die ländlichen Räume voranbringen, auch wenn es in Zukunft große Herausforderungen gibt, zum Beispiel im Bereich der medizinischen und pflegerischen Versorgung oder beim Erhalt des ÖPNV.
Jörg Bülow bei der 20. MarktTreff-Beiratssitzung 2025 in Alt Duvenstedt
Welche besonderen Momente und Höhepunkte verbinden Sie persönlich mit MarktTreff?
Bülow: Die regelmäßigen Sitzungen des MarktTreff-Beirates waren immer eine große Bereicherung. Rund um MarktTreff hat sich ein tolles Netzwerk von gesellschaftlichen Akteuren gebildet. Diese unterstützen die Idee und sichern die enorme Vielfalt der MarktTreffs. Eine besondere Freude war insofern die Jubiläumssitzung „20 Jahre MarktTreff-Beirat“ Anfang 2025. Dort war diese fortdauernde Aufbruchstimmung sehr schön spürbar. Persönlich war ich schon auf mancher Radtour durch das Land froh, mich unterwegs schnell in einem MarktTreff versorgen zu können. Man findet fast überall welche!
Eine in Ihrer langjährigen Tätigkeit bereits mehrmals gestellte Frage: Wo steht MarktTreff in zehn Jahren?
Bülow: Ich bin zunächst froh, dass wir als SHGT in der Auseinandersetzung um das Ladenöffnungszeitengesetz dazu beitragen konnten, dass fast alle MarktTreffs zu personallosen Zeiten am Wochenende zugänglich bleiben können. MarktTreff lebt von Innovation und das muss der Gesetzgeber fördern.
Wir müssen uns außerdem alle noch dafür einsetzen, dass die künftigen Förderbedingungen der Europäischen Union auch weiterhin eine Bezuschussung von Investitionen in MarktTreffs ermöglichen. Anderenfalls müsste das Land für entsprechende Mittel sorgen.
Unabhängig davon bin ich aber sicher: Es wird weitere MarktTreff-Standorte geben und in zehn Jahren existiert nicht nur der allergrößte Teil der jetzt bestehenden MarktTreffs, sondern es sind zahlreiche Weitere hinzugekommen. Der Bedarf ist da und das Konzept ist weiterhin richtig.
Herr Bülow, wir danken Ihnen für die stets gute Zusammenarbeit und die großartige Unterstützung in all den Jahren. Im Namen der MarktTreff-Familie wünschen wir Ihnen für Ihre berufliche und persönliche Zukunft alles Gute!
Würdigung von Jörg Bülow durch Ministerpräsident Daniel Günther am 29. Mai 2026 im Rahmen der SHGT-Delegiertenversammlung
Jörg Bülow, geboren 1968 in Hamburg, Volljurist, verheiratet, 2 Kinder
Nach einem Studium der Rechtswissenschaft in Hamburg und Bonn mit Schwerpunkt Europarecht, Völkerrecht und Internationale Politik Referendariat und praktische Ausbildung in Hamburg und London; 2. Staatsexamen und wissenschaftliche Mitarbeit; 1999 bis 2004 Referatsleiter Recht und Verfassung beim Deutschen Städte- und Gemeindebund in Berlin, seit 1. Juni 2004 Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Schleswig-Holsteinischen Gemeindetags, Kiel.
Zahlreiche Aufsätze und Veröffentlichungen zu kommunalrelevanten Fachthemen;
Mitglied und Vorstandsmandate in diversen Organisationen, zum Beispiel Deutscher Städte- und Gemeindebund, IT-Verbund SH, Ausbildungszentrum für Verwaltung, Breitbandkompetenzzentrum, Akademie für die Ländlichen Räume SH, NAH.SH, Sparkassen- und Giroverband SH, Landesplanungsrat, Verbraucherzentrale, MarktTreff-Beirat
Informationen zu Gründung und Betrieb eines MarktTreffs
Bei Interesse an der Gründung eines neuen MarktTreffs nehmen Sie bitte Kontakt auf mit dem Projektmanagement unter:
gruendung@markttreff-sh.de
Detaillierte Informationen zum Projekt MarktTreff mit vielen Arbeitshilfen und aktuellen Tipps finden Sie unter:
www.markttreff-sh.de
Das Projekt MarktTreff wird gefördert durch den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raumes (ELER), mit Mitteln des Bundes und des Landes Schleswig-Holstein im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes (GAK).
Fotos: MarktTreff SH / ews group; ein Foto der SHGT-Delegiertenversammlung 2026 wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von SHGT / Danica Rehder