Interview mit Prof. Dr. Rolf G. Heinze:
Warum wir mehr „Innovationspartisanen“ benötigen!

K i e l MT 16.11.2022 – Seine Veröffentlichungen haben markante Titel wie Daseinsvorsorge und strategische Vernetzung, Weniger „lonesome riding“, mehr „kollaboratives Innovationspartisanentum“ oder Vernetzung als Innovationsmotor.

Jetzt war Prof. Dr. Rolf G. Heinze von der Ruhr-Universität Bochum Impulsreferent beim ersten MarktTreff Innovation Lab. Das Thema „Kooperation“ brachte Vertreter:innen verschiedener Verbände, Institutionen und Gemeinden zusammen. Ziel war es, Grundlagen für mehr Kooperation in ländlichen Räumen und eine stärkere Verknüpfung mit dem MarktTreff-Projekt auszuloten.

 

Heinzes Hintergrund ist beeindruckend: Neben seiner Hochschultätigkeit ist er seit vielen Jahren geschäftsführender wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung (InWIS) sowie Berater von Ministerien, Verbänden, Stiftungen und Unternehmen.
Im Interview erläutert der 71-jährige Sozialwissenschaftler die Wichtigkeit von Kooperation und warum er mehr „Innovationspartisanen“ für notwendig hält. 

Professor Heinze, Sie haben sofort zugesagt, als wir Sie um einen Impulsbeitrag zum MarktTreff Innovation Lab anfragten. Was hat Sie dazu bewogen?

Rolf Heinze: Ich kenne das MarktTreff-Projekt näher seit wir gemeinsam auf einer Veranstaltung zur kommunalen Daseinsvorsorge präsent waren. Die Arbeit, die in Schleswig-Holstein zur Sicherung der Versorgung in ländlichen Gemeinden geleistet wird, ist beispielhaft. In den rund 20 Jahren seines Bestehens ist ein System aufgebaut worden, das deutschlandweit einzigartig ist. Im Grunde sind die MarktTreffs bereits echte „Innovationspartisanen“. Hier wird bürgerorientiert gedacht und vernetzt gehandelt, das Projekt blickt über Grenzen und hat den Mut, Abgrenzungen zu überwinden. Das zeigt auch die Durchführung eines Innovation Lab zu „Kooperation“.

Warum ist Kooperation gerade zur Zeit so wichtig?

Rolf Heinze: Wir erleben aktuell Zeiten großer, dabei parallel laufender gesellschaftlicher Transformationen. Davon sind wir alle betroffen, egal, ob in der Stadt oder auf dem Land, sowohl in der Region, als auch global. Viele Bereiche werden vor enorme Herausforderungen gestellt – bei Mobilität, Versorgung, Digitalisierung, Demografie, Wohnen, Pflege - und wir müssen darauf neue Antworten finden. Das geht am besten gemeinsam und wenn die Lösungen sektorenübergreifend gedacht und angegangen werden. Blicken Sie beispielsweise nach Dänemark, da werden Wohnen, Pflege und Daseinsvorsorge übergreifend konzipiert.
Aus unserer Institutstätigkeit wissen wir, gerade im Gesundheitsbereich und bei der Wohnungswirtschaft gilt es, das Silo-Denken zu überwinden: Quartiersorientierung, Telemedizin und technisch unterstütztes Wohnen gehören zusammen. Dabei sollten digitale Anwendungen intensiver genutzt werden, aber der Faktor Mensch und das Zusammenkommen unbedingt beibehalten werden.
Und ich würde noch einen Schritt weitergehen: Wir sollten, wo immer möglich, das Ressortprinzip auflösen. Gute Daseinsvorsorge geht nur ganzheitlich und am besten im Verbund mit guten Partnern. Sie sehen, deshalb plädiere ich so für Kooperation und Netzwerkbildung.

Prof. Dr. Rolf G. Heinze im MarktTreff-Interview

Was sind denn aus Ihrer Sicht die notwendigen Voraussetzungen?

Rolf Heinze: Zunächst gehören zu erfolgreichen Entwicklungen in der Regel engagierte Treiber. Diese Schlüsselakteure sollten integrative Fähigkeiten besitzen und aus Gelegenheitsstrukturen tragfähige Netzwerke entwickeln. Dann werden „aus runden Tischen“ nicht „lange Bänke“. Am besten werden diese Prozesse gleich generationenübergreifend angelegt, denn häufig werden junge Menschen zu wenig beteiligt. Am Ende lastet es dann wieder auf den Schultern weniger aktiver Ü-70-Jähriger. 
Natürlich ist es schwer, die 30- bis 50-Jährigen für partizipative Prozesse und ehrenamtliche Arbeit zu gewinnen. In diesen Kohorten ist die Arbeitsverdichtung enorm ausgeprägt. Aber vielleicht ist es ratsam, einmal mit einer Hochschule aus der Region über eine Prozessbegleitung zu reden. Studierende haben häufig gute Ideen und probieren gern neue Formate aus.

Das klingt ja sehr optimistisch – in Zeiten von Mehrfachkrisen?

Rolf Heinze: Jede Generation hat ihre Krisen und Herausforderungen. Ich halte es deshalb für unbedingt notwendig, dass wir Innovationen als eine „Vorwärtsgeschichte“ erzählen. Das hat nichts mit Blauäugigkeit zu tun, sondern sollte strategisch angelegt und fundiert werden. Am besten schaffen Sie einen Schulterschluss mit der Politik, denn die Ausgestaltung von „Vorwärtsgeschichten“ benötigt auch finanzielle Ressourcen. Mit den MarktTreffs haben Sie ja einen vergleichbaren Weg beschritten.
Mich persönlich bewegt derzeit die Frage nach dem „Heimatbegriff“. Meine Beobachtung ist: Mit zunehmender Digitalisierung und dem Verschwinden von Tradition und Ritualen, wächst bei vielen die Sehnsucht nach Verortung. Wo gehöre ich hin, was gibt mir Kraft, wie kann ich Selbstwirksamkeit erfahren. Da spielt „Heimat“ eine wichtige Rolle. Aber auch dieser Begriff sollte neu als „Vorwärtsgeschichte“ erzählt und gestaltet werden.

 

Hintergrundinformation
Von 1988 bis 2021 war Prof. Dr. Rolf G. Heinze Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Soziologie, Arbeit und Wirtschaft in der Fakultät für Sozialwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum (RUB), aktuell ist er als Seniorprofessor an der RUB tätig.
Seit 1994 ist Heinze geschäftsführender wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung (InWIS) an der RUB.
Professor Heinze betätigt sich als Berater von Ministerien, Verbänden, Stiftungen und Unternehmen; er war u. a. Mitglied des Experten- und Zukunftsdialogs der Bundeskanzlerin (AG „Zusammenleben der Generationen“), Mitglied der Sachverständigenkommission der Bundesregierung für den Fünften und Siebten Altenbericht, Mitglied des Stiftungsbeirates des Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen. Zahlreiche Veröffentlichungen sind dokumentiert und abrufbar auf den Seiten der Ruhr-Universität Bochum:
Bitte hier klicken - öffnet externen Link (www.sowi.ruhr-uni-bochum.de).

Informationen zu Gründung und Betrieb eines MarktTreffs
Bei Interesse an der Gründung eines neuen MarktTreffs nehmen Sie bitte Kontakt auf mit dem Projektmanagement unter:
gruendung@markttreff-sh.de

Detaillierte Informationen zum Projekt MarktTreff mit vielen Arbeitshilfen und aktuellen Tipps finden Sie unter:
www.markttreff-sh.de

Fotos / Copyright: Prof. Dr. Rolf G. Heinze

 

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