Landesfrauenkongress des Siedlerbundes: Wir wünschen Schleswig-Holstein noch viele MarktTreffs

Lübeck MT 17.09.2004 – Das schleswig-holsteinische Projekt MarktTreff war ein wichtiges Thema auf dem diesjährigen Frauenkongress des Deutschen Siedlerbundes, Landesverband Schleswig-Holstein, in der Hansestadt Lübeck. Der Landesverbands-Vorsitzende Jürgen Ebeling erläuterte den rund 300 Delegierten, was den Deutschen Siedlerbund in Schleswig-Holstein dazu veranlasst hat, Partner des Projekts zu werden:

Jürgen Ebeling und Christiane Küster
vom Deutschen Siedlerbund,
Landesverband Schleswig-Holstein

„Wir als Deutscher Siedlerbund haben uns auf unsere Fahnen die Förderung des Gemeinschaftslebens, des Gemeinschaftssinns geschrieben, und dass dieses keine leeren Floskeln sind, wird in unseren Siedlergemeinschaften tagtäglich durch das miteinander Leben bewiesen. Eine ähnliche Zielsetzung verfolgt auch das Projekt ,MarktTreff‘. Gerade im ländlichen Bereich finden wir Dörfer, in denen praktisch nichts mehr geht. Es gibt keine Kaufleute, es gibt keine Wirtschaft, von Ärzten und Banken ganz zu schweigen. Es sind reine Schlafstätten, in denen die Menschen, die noch arbeitsfähig sind, morgens zur Arbeit irgendwo hinfahren und abends wieder kommen, und so kaum die Möglichkeit haben, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Es gibt keine Kommunikationstreffpunkte und auch keine Anreize, sich irgendwo zu treffen und kennen zu lernen. Und so nimmt es nicht Wunder, dass in vielen Dörfern praktisch jedes soziale Leben so gut wie erloschen ist. Dieses kann nicht in unserer aller Interesse sein. Hiergegen sollten wir entschieden vorgehen und insofern ist die MarktTreff-Idee richtungweisend in dem Sinne, dass auch in den ländlichen Räumen wieder Gemeinschaft einkehrt. Ich denke, damit ergänzen beziehungsweise unterstützen wir uns in hervorragendem Maße.“

Bevor Dieter Witasik und Ingwer Seelhoff von ews group, die koordinierend in der landesweiten Projektgruppe MarktTreff tätig sind, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern das Projekt im Detail vorstellten, erläuterte die Landesfrauenreferentin des Deutschen Siedlerbundes, Landesverband Schleswig-Holstein, Christiane Küster ihre Gedanken zu dem in Deutschland führenden Vorhaben im den ländlichen Raum:

„Wir wollen ihnen heute eine nicht ganz neue Errungenschaft vorstellen: MarktTreff. Seit fünf Jahren hat unsere Landesregierung dieses Programm aufgestellt, und es wird mit Geldern der EU unterstützt. MarktTreff, ein Wort bei dem jeder sofort eine bestimmte Vorstellung hat. Ich verbinde damit einkaufen in gemütlicher Umgebung, Freunde treffen, einen Klönschnack halten – eben Mittelpunkt.

Nun frage ich mich als Städterin, die aus Kiel kommt: Was ist daran neu und erwähnenswert? Das kann ich doch mehrmals in der Woche haben. Die Menschen im ländlichen Raum: sehen das vermutlich ganz anders. Denn die Dörfer haben oftmals kein Zentrum mehr, sie sind ausgeblutet. Man schläft dort, lebt sein höchstprivates Leben, und alles andere geschieht irgendwo außerhalb.

Wir haben es geschehen lassen, geduldet, hingenommen und letztlich selbst verschuldet, dass ein Laden nach dem anderen verschwunden ist, die Kinder schon in der ersten Klasse den Schulbus benutzen müssen, die Post und die Bank nicht mehr da sind, und der Dorfkrug schon lange seine Tür geschlossen hat. Nur eines hat zugenommen: Die Anzahl der Autos und damit der Verkehr.

Wir steigen ein, geben Gas, und fort sind wir, um Dinge zu erledigen, die wir eben nicht mehr in unserem Dorf erledigen können. Vielleicht winken wir noch dem Nachbarn im Vorbeifahren zu. Und wer kann ein Auto fahren? Die Kinder und die Alten nicht. Sie sind darauf angewiesen, dass sie gefahren werden- sei es zum Kindergarten, zum Sportverein oder zum Arzt. Die mittlere Generation ist zum Chauffeur geworden. Und wer niemand mit Auto hat, bleibt zu Hause, denn der öffentliche Nahverkehr zeichnet sich ja auch nicht gerade durch Häufigkeit aus. Alles ist umständlicher geworden. Wir haben keinen Markt und keinen Treffpunkt mehr.

Und so kann es keine Gespräche geben. Weil wir uns nicht mehr treffen, wissen wir nichts mehr voneinander, man kennt sich nicht mehr, dadurch kann man sich gegenseitig auch nicht helfen. Es sei denn, man ist Mitglied im Deutschen Siedlerbund. Dort wird ja, wie sie es selbst erfahren, das Miteinander groß geschrieben.


Das Nebeneinanderherleben ist eine unbefriedigende Situation und kann auf Dauer nicht gut gehen. Denn wir alle brauchen die Gemeinschaft, mal mehr, mal weniger. In schwierigen Lebenslagen aber immer!

Das Wort Markt kommt aus dem Althochdeutschen, „markät“, und dieses wieder aus dem lateinischen mercatus. Der Markt war also schon in der Antike ein Ort, an dem sich öffentliches Leben abspielte. Dort konzentrierte sich der Handel, das politische und religiöse Leben. Die schönsten Häuser entstanden am Markt.

Diese Entwicklung galt für Städte und Dörfer. Der Markt war immer der Ort, an dem die nichtfamiliären Bedürfnisse erledigt wurden. Was über Jahrhunderte sich bewährt hatte, verschwand in unserer modernen Zeit und ausgerechnet im traditionsbewussten ländlichen Bereich. Und warum? Es lohnte sich nicht mehr, die Einnahmen gingen drastisch zurück. Der Kunde hatte sich umorientiert. Entfernungen spielten keine Rolle mehr – dank des Autos. Kinder wurden sowieso weniger – und die Alten …

Man geht in die Stadt zur Arbeit und auf die grüne Wiese zum preiswerten Einkaufen. Alles ist sauber, hell und unpersönlich. Aber die Bedürfnisse und die Befindlichkeiten haben sich gewandelt. Man möchte sein Dorf nicht nur zum Schlafen haben, sondern man möchte darin leben, mit allem, was dazugehört.

Dank MarktTreff ist das auch heute wieder möglich! Sauber, hell, vielfältig, verkehrsarm, kundennah und persönlich stellen sich die neuen Zentren vor.

Das Leben kehrt ins Dorf zurück – die Grundversorgung wird gewährleistet. Natürlich ist auch bei diesem Unternehmen jeder Einzelne gefragt: Die Anbieter und die Kunden. Heute unterstützen und beleben bereits 12 Vereine und Organisationen die bereits 14 existierenden MarktTreffs im Lande. Der DSB ist mit dabei, und vielleicht ist mancher von ihnen schon Nutznießer dieser Treffpunkte geworden.

Ich wünsche dem Land Schleswig-Holstein und seinen Einwohnern noch ganz viele MarktTreffs, damit sich die Dorfbewohner mit ihrem Wohnort identifizieren und sich wohl fühlen.“