Digitalisierung auf dem Vormarsch – oder in der Krise?
Experte Thomas Höhn äußert sich zu
Chancen und den aktuellen Entwicklungen

K i e l  MT 09.05.2018 – Die Digitalisierung entwickelt sich zum wesentlichen globalen Entwicklungstreiber. Die Chancen für das rohstoff- und industriearme Flächenland Schleswig-Holstein sind enorm. Nun hat sich die Landesregierung auf die Fahnen geschrieben, Schleswig-Holstein zum bundesweiten Vorreiter in puncto Digitalisierung zu machen. Dabei sind die damit verbundenen Herausforderungen immens: vom Breitbandausbau über Glasfaser bis zu Medienkompetenz, Datenschutz und Onlinehandel. Thomas Höhn, Geschäftsführer der Höhn Consulting GmbH, äußert sich zu den Chancen und Risiken für ländliche Gemeinden – und das Projekt MarktTreff.

 

Herr Höhn, Sie beraten seit Jahren Gemeinden und Regionen beim digitalen Wandel. Derzeit erarbeiten Sie mit dem Amt Hüttener Berge eine Digitale Agenda. Worauf zielt diese Strategie ab?

 

Thomas Höhn: Die Digitale Agenda des Amtes Hüttener Berge versteht sich als mehrjährige Rahmenplanung aller digitalen Projekte und Maßnahmen im Amtsbereich. Entsprechend breit gefächert ist das Themenspektrum: vom weiteren Ausbau der Breitbandinfrastruktur über die durchgängige Digitalisierung aller Verwaltungsprozesse bis hin zu einer Vielzahl digitaler Angebote für die Daseinsvorsorge. Hier finden sich Aussagen zur digitalen Unterstützung der Mobilität, der Nachbarschaftshilfe, der Bürgerinformation und -beteiligung, der lokalen Wirtschaft sowie des Tourismus ebenso wie für die Bereiche Kultur und Freizeit, Bildung und Gesundheit. Übergreifendes Ziel ist es, den digitalen Wandel im Amt Hüttener Berge als eine ganzheitliche Aufgabe zu begreifen. Dies kann nur gelingen mit einem strukturierten Bauplan. Denn Digitalisierung kann dem ländlichen Raum neue Chancen eröffnen, wenn sie „aus einem Guss“ geplant und stufenweise umgesetzt wird.

 

Bereits im Sommer 2017 haben Sie gemeinsam mit kommunalen Spitzenverbänden wie dem Schleswig-Holsteinischen Gemeindetag „12 Goldene Regeln für den Weg zur digitalen Kommune“ aufgestellt. Was zeichnet die digitale Kommune aus?

 

Thomas Höhn: Die digitale Kommune - so wie wir sie verstehen – beschränkt sich nicht auf Breitbandausbau und eGovernment, sondern nutzt die Möglichkeiten der Digitalisierung für alle kommunalen Lebensbereiche und Interessenlagen. Die digitale Kommune setzt dabei an vorhandenen „analogen", konventionellen Angeboten an wie beispielsweise Mitfahrbänke, ehrenamtliche Mittagstische, Kalendarien örtlicher Veranstaltungen. Diese Angebote werden „digital“ erweitert oder verbessert. Dabei stehen immer die Bürgerinnen und Bürger sowie die Interessen der lokalen Wirtschaft im Mittelpunkt. Denn genutzt wird nur, was auch gebraucht wird. Kluge kommunale Digitalisierung basiert auf einer breiten Beteiligung aller lokalen Akteure.

 

  Dipl.-Bibl. Thomas Höhn M.A. ist Inhaber und Geschäftsführer der HÖHN CONSULTING GmbH. Seit 30 Jahren berät er Behörden und Unternehmen bei der Modernisierung von Prozessen und Organisationsstrukturen. Im Finanzministerium des Landes Schleswig-Holstein ist Thomas Höhn im Projekt Kooperatives Personalmanagement tätig.

 

 

Wie sehen Sie die Entwicklung des Online-Handels? Ist das eine Bedrohung für ländliche Nahversorger wie die MarktTreffs?

 

Thomas Höhn: Ganz im Gegenteil. Ländlichen Nahversorgern eröffnen sich in der Kombination mit digitalen Angeboten Möglichkeiten, die große Online-Portale so nicht umsetzen können. Zwei Szenarien mögen das veranschaulichen: Lokale Kochclubs, die sich digital organisieren, stellen ein „Rezept der Woche" im digitalen Bürgerportal ein. Die Zutaten – natürlich aus der Region – werden per Klick beim örtlichen Einzelhändler bestellt, Lieferung ins Haus inklusive.
Oder: Bauernhöfe, Bäcker und Metzger beliefern ihre Kunden auf der Basis einer online anpassbaren individuellen Einkaufsliste, ggf. in einem wöchentlichen Rhythmus mit einem Warenkorb von Grundnahrungsmitteln – zum Beispiel Milchprodukte, Obst, Gemüse, Backwaren. Denken Sie nur daran, wie viele Pendler gerade im ländlichen Raum ihren regelmäßigen Einkauf gehetzt im Tagesablauf unterbringen müssen.
Dies sind zwei von zahlreichen Beispielen, die ihre Praxistauglichkeit bereits in anderen Bundesländern bewiesen haben. Jetzt „würzen“ sie diese Beispiele noch mit der persönlichen Beziehung, die sich durch die skizzierten neuen Vertriebsformate zwischen Kunde und Nahversorger ergeben. Dazu passt ja bereits das MarktTreff-Motto „Mein Einkauf bleibt im Dorf!“. Die Nähe zum Kunden in Verbindung mit innovativen digitalen Angeboten bietet den ortsansässigen Erzeugern, Einzelhändlern und Handwerksbetrieben spannende Perspektiven. Sofern die Bereitschaft besteht, um- und neu zu denken!

 

Was raten Sie MarktTreff-Betreibern im Umgang mit digitalen Handelsformaten? Sollen sich die kleinen Einzelhändler überhaupt darauf einlassen? Der Zeiteinsatz ist doch enorm ...

 

Thomas Höhn: Ich glaube, dass die lokale Wirtschaft sich stärker zusammenschließen muss, um sich gegenüber städtischen Discountern und überregionalen Online-Portalen zu behaupten. Hier muss mitunter lieb gewonnenes Konkurrenzdenken überwunden werden. Im Zusammenwirken der lokalen Wirtschaftsakteure und mit einer überzeugenden digitalen Unterstützung von Verkauf und Auslieferung lassen sich durchaus Modelle entwickeln, die für den Einzelhandel ressourcenschonend und vorteilhaft sind.

 

In welchen konkreten Bereichen sehen Sie für ländliche Räume die größten Chancen der Digitalisierung?

 

Thomas Höhn: Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. In allen Handlungsfeldern – Mobilität, lokale Wirtschaft, Nachbarschaft, Bürgerbeteiligung, Tourismus, Bildung, Kultur, Freizeit und Gesundheit – ergeben sich spannende Perspektiven. Eine Priorisierung kann und möchte ich aber nicht vornehmen, da jedes digital unterstützte Handlungsfeld dem ländlichen Raum spezifische Chancen eröffnet. Klar ist jedoch, dass unabhängig vom jeweiligen Handlungsfeld die Bedarfsorientierung sowie die Akzeptanz die zentralen Stellschrauben für Erfolg sind. Im Amt Hüttener Berge soll daher die Detailkonzeption und Entwicklung digitaler Lösungen in einer gemeinsamen Digitalen Werkstatt erfolgen: Vertreter/innen der verschiedenen Interessenlagen, Entwickler und Berater kommen regelmäßig zusammen, um die geplanten digitalen Lösungen abzustimmen, zu erproben und fortlaufend zu optimieren. So kann kommunale Digitalisierung zu einer Plattform für benutzerfreundliche Angebote werden.

 

Und wo stehen wir in fünf Jahren?

 

Thomas Höhn: Hier schließt sich für mich der Kreis zu unserem ersten Thema, der Digitalen Agenda des Amtes Hüttener Berge. Falls die schleswig-holsteinischen Kommunen vergleichbare digitale Rahmenplanungen entwickeln, digitale Angebote als Gesamtprojekt betrachten und nach lokalen Bedarfsprioritäten umsetzen, falls das Land die Entwicklung überzeugender, von der kommunalen Familie akzeptierter und von allen nutzbarer Lösungen finanziell unterstützt, dann bin ich sehr zuversichtlich. Dann können wir uns speziell im ländlichen Raum in fünf Jahren über einen sinnvoll gestalteten digitalen Wandel freuen. Sofern jedoch überwiegend „digitale Kirchturmpolitik“ betrieben wird, jede Kommune nach tagesaktueller Kassen- und Bedarfslage einmal diese, einmal jene App beschafft und sich jeder Nutzer und jede Nutzerin in einem Wald unterschiedlichster Bedienungslogiken und Benutzerlogins verläuft, dann wird eine positive Bilanz in fünf Jahren aller Voraussicht nach nicht möglich sein.