Prof. Axel Priebs: MarktTreff hat soziale Funktion
und sichert Lebensqualität –
Planungsexperte wechselt an die Universität Wien

K i e l  MT 20.02.2018 – Prof. Dr. Axel Priebs kennt das Projekt MarktTreff seit Anbeginn, häufig wird er als einer der „Gründerväter“ genannt. Seit 1998 hat Priebs eine Honorarprofessur an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und ist Mitglied des schleswig-holsteinischen Landesplanungsrates. Zwei Jahrzehnte hat Priebs überaus erfolgreich die regionale Planung in Hannover und der umliegenden Region geleitet – doch damit ist zum 31. März 2018 Schluss: Prof. Priebs wechselt an die Universität Wien. Anlass genug, mit ihm über die Entwicklung der ländlichen Räume im Norden und das Projekt MarktTreff zu sprechen.

 

Herr Prof. Priebs, was im Jahr 1999 mit drei Pilotprojekten begann, hat sich mittlerweile zu einem landesweiten Netz von knapp 40 MarktTreffs entwickelt. Hätten Sie diese Entwicklung damals so vorausgesehen – und was sind aus Ihrer Sicht die Erfolgsfaktoren?

 

Axel Priebs: Das MarktTreff-Konzept ist einfach überzeugend, deswegen hat mich dieser Erfolg gefreut, aber nicht überrascht. Schon der Name weist auf die wesentlichen Erfolgsfaktoren hin: die Einkaufsmöglichkeit wird verbunden mit einem Treffpunkt für den ganzen Ort. Bereits der klassische Dorfladen war immer irgendwie ein Treffpunkt, jetzt gibt es eben konkrete Angebote wie zum Beispiel ein Café. Das ist heute wichtiger denn je, der MarktTreff hat eine soziale Funktion und sichert Lebensqualität.

Prof. Dr. Axel Priebs              (Foto: Region Hannover / Christian Stahl)

Wo sehen Sie künftig die wesentlichen Herausforderungen für eine ländliche Nahversorgung?

 

Axel Priebs: Wir sind als Verbraucher verwöhnt. Aber es muss ja nicht immer das deutschlandweite Angebot aller Marken und Produkte vorgehalten werden. Wichtig ist, dass eine Grundversorgung da ist und das natürlich alle Bürgerinnen und Bürger dort einkaufen – nicht erst dann, wenn sie nicht mehr mobil sind und keine Alternative haben. Zusätzlich müssen wir die wirtschaftliche Basis der Dorfläden gezielt verbreitern, etwa durch ergänzende Dienstleistungsangebote im Geschäft. Das war in Dänemark schon vor 30 Jahren ein Erfolgsrezept.

 

Wie bewerten Sie den zunehmenden Onlinehandel? Hat diese Form der Versorgung Auswirkungen auf den stationären Handel - insbesondere auf dem Lande?

 

Axel Priebs: Das muss man sehr differenziert sehen. Auf der einen Seite bedeutet Onlinehandel ja, dass ich auf dem Lande das gleiche Angebot habe wie in der großen Stadt. Aber zum Dorfladen mit seiner menschlichen Komponente sehe ich im Onlinehandel keine Alternative. Idealerweise ist der MarktTreff ja die neue Dorfmitte, ganz real. Echte Menschen treffe ich im Internet nicht.

 

Es werden aktuell einige „regionale Marktplätze“ als Kombination von Online- und Offline-Angeboten entwickelt. Häufig stehen dahinter Softwarehäuser, Logistikunternehmen und Einzelhandelslieferanten. Kann diese Verknüpfung funktionieren?

 

Axel Priebs: Das ist ja ein schillernder Begriff. Deswegen muss man sehr genau hinsehen, wer dahintersteht. Wenn sich zum Beispiel die stationären Händler einer Kleinstadt zusammentun, um ihre Angebote weithin sichtbar zu machen, und dabei noch eine gemeinsame Auslieferung organisieren, kann das für ländliche Räume ein großer Gewinn sein.

 

Genossenschaften galten lange Zeit als langweilig, seit einigen Jahren erlebt diese Trägerschaft eine Renaissance - bei Baugruppen, bei Kindergärten, drei MarktTreffs sind so organisiert. Ist diese Beteiligung der Akteure und Bürger ein „cooles" Modell der Zukunft – und wenn ja warum?

 

Axel Priebs: Ja, unbedingt. Genossenschaften ermöglichen zivilgesellschaftliches Engagement mit bewährten Regeln. Jede Stimme zählt gleich. Und gerade dann, wenn Finanzen zu verwalten sind, hilft der Genossenschaftsverband – der ja jetzt Partner des MarktTreff-Projektes ist – mit Beratung und Prüfung.

 

Die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Stadt und Land soll ganz aktuell durch ein „Heimatministerium" auf Bundesebene gefördert werden. Was wären aus Ihrer Sicht dessen herausragende Aufgaben der kommenden fünf bis zehn Jahre?

 

Axel Priebs: Die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse ist ja schon seit langem der wichtigste Grundsatz der Raumordnung. Allerdings ist er bislang nicht mit verbindlichen Inhalten gefüllt worden. Wichtig wäre es zum Beispiel, in den zentralen Orten bestimmte Mindeststandards zu garantieren und diese zum Beispiel über finanziell dotierte Zielvereinbarungen zwischen Staat, Kommunen und anderen Akteuren zu sichern.

 

Nun wechseln Sie im April nach Österreich und übernehmen einen Lehrstuhl an der Universität Wien. Kennen Sie schon beispielgebende Projekte für die ländliche Entwicklung bei unseren südlichen Nachbarn?

 

Axel Priebs: Noch bin ich kein Österreich-Experte, aber ich bin sehr gespannt auf das Land. Gerade beim Regionalmanagement für ländliche Regionen gilt Österreich seit langem als vorbildlich. In der Nahversorgung gibt es ebenso interessante Entwicklungen.

 

Auch wenn es Sie jetzt in den Süden zieht – bleiben Sie dem Norden verbunden?

 

Axel Priebs: Ja, selbstverständlich. Ich freue mich auf Wien und Österreich, aber meine Frau und ich sind in Norddeutschland fest verankert. Und ich habe mir in Wien zusichern lassen, dass ich weiter jeweils im Sommersemester eine geblockte Lehrveranstaltung an der Universität Kiel durchführen kann. Andersherum biete ich diesen Sommer für meine Wiener Studierenden eine Exkursion nach Schleswig-Holstein an, die war sofort ausgebucht. Dabei werde ich natürlich auch das MarktTreff-Konzept vorstellen.

 

Prof. Priebs, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen in Wien alles Gute.