Ende der Sofasiesta

Frankfurter Rundschau/jöb 13.07.2005 – Ein Dorf im Norden will nicht in den Dornröschen-Schlaf verfallen.

Es würde nichts nützen, wenn der Gärtner drüben bei der Kirche den verdammten Rasenmäher endlich abstellen würde. Lastwagen um Lastwagen, PKW um PKW, Trecker um Trecker rattern an Eggert Mehlerts neuem Markttreff vorbei. Heute schert sich selbst der Gärtner der Kirchengemeinde nicht mehr um die gesetzlich verordnete Mittagsruhe. Mittagsstunde war gestern.

Als frisch gebackener Existenzgründer im letzten Drittel seines Berufslebens hat Eggert Mehlert die seit Generationen auf den Dörfern gepflegte Sofasiesta auch abschaffen müssen. Stattdessen steht er an diesem Montagmittag hinter der Kasse seines Markttreffs. Alles ist neu: das Haus, die Kühltruhen, die Obstregale und die Markttreff-Fahne links neben dem Eingang. "Eggert, wohnt hier einer?", ruft ein Arbeiter im Blaumann nach dem Chef und verlässt kurz darauf mit Russisch-Ei und Brot den Laden. "Geiht gut?", fragt Landschaftsgärtner Johannes Göttsche und statt des ortsüblichen "Muss ja" antwortet Eggert Mehlert: "Ja, gut ist es." Mehr Optimismus geht auf dem Land nicht. Göttsche, Chef einer kleinen Gartenbaufirma, glaubt, die Zukunft sähe düster aus für St. Margarethen - wenn Mehlert den Markttreff nicht vergangenen Monat eröffnet hätte. "Man sieht ja in Flethsee, wie schnell ein Dorf kaputt gehen kann", sagt der 53-Jährige und schmeißt auch schon wieder den Trecker an.


Der Ex-Banker an der Kasse

Graue, von der Westküstenbrise verwuschelte Haare, strahlend blaue Augen im zerknitterten und trotzdem jungenhaftem Gesicht, schlaksig und braun gebrannt mit offenem Hemd. Eggert Mehlert kann man sich auch auf der anderen Seite der Erdkugel als Traumfänger vorstellen. Dabei ist der Ex-Banker erdverwachsen. Einer, der sagt, dass er "das Dorf nie verlassen würde". Als der 52-Jährige noch tagaus tagein in die St. Margarethener Sparkasse, einen Boßelwurf die Dorfstraße links runter, trottete, teilte das Schläfchen nach dem Mittagessen den Tag in zwei Hälften: den Morgen, an dem alles auf das Mittagessen hinauslief, - und den Nachmittag, dem bald der Feierabend folgte. So hätte es weiter gehen können, die letzten knapp fünfzehn Jahre bis zur Rente. Doch der rasante Strukturwandel in den schleswig-holsteinischen Dorfgemeinden hat auch vor der Sparkasse des Westküstendorfes in der dünn besiedelten Wilstermarsch kurz vor der Nordsee nicht halt gemacht. Früher Symbol der Tüchtigkeit und Wirtschaftskraft der St. Margarethener ist der Stolz vorheriger Generationen längst von der Bordesholmer Sparkasse mit Sitz an der Ostseeküste, geschluckt worden. Von ehemals fünfzehn Vollzeitmitarbeitern sind noch drei über. Da wird es wenig helfen, dass die St. Margarethener jetzt auch Prepaid-Handys am Geldautomaten der Sparkasse aufladen können.

Auch Mehlert musste gehen, nach zweieinhalb Jahrzehnten, davon die letzten drei Jahre als Filialleiter. Mehr als die Wahl zwischen Pest und Cholera wäre dem Familienvater wohl kaum geblieben. Entweder hier bleiben und irgendwann Hartz IV oder da eine Chance suchen, wo viele schon hingegangen sind. Gut achtzig Kilometer die Elbe rauf zum Beispiel, nach Hamburg, auch ohne Stau eine gute Stunde mit dem Auto entfernt. Nicht jede Ehe hält das aus und nicht jeder 52-jährige Ex-Banker vom Land findet in der Hansestadt einen Job. Zum Glück lag die Lösung vor der Haustür und "irgendwie wollte ich auch schon immer was Eigenes machen", sagt Mehlert.

Als Ende 2001 der langjährige Betreiber des letzten Lebensmittelladens im Dorf seinen Ruhestand ankündigte, stand den heute noch gut tausend St. Margarethenern bevor, was der Nachbargemeinde Flethsee schon widerfahren ist. Die Grundversorgung mit Lebensmitteln wäre nicht mehr gewahrt gewesen, die Alten ohne Auto hätten nicht mehr einkaufen können, junge Familien wären nicht mehr nach St. Margarethen und heutige St. Margarethener Familien mit ihren Kindern weggezogen. Dem 800 Jahre alten Dorf drohte mittelfristig das Dahinsiechen durch Aussterben der Alten und Ausbleiben der Jungen. Mit der Folge, dass selbst die Eigenheime, für manch St. Margarethener die Altersversicherung, wie in der Nachbargemeinde von heute auf morgen nicht mehr viel wert gewesen wären.


"Was weg ist, kommt nicht wieder", sagt Albert Siemen, 65 Jahre und Bürgermeister seit dem Jahr, als Eggert Mehlert - wie damals üblich - mit 21 Jahren gerade volljährig war. Der Landwirt in fünfter Generation hat sein Dorf immer kleiner werden sehen. "Über 120 Gewerbebetreibende hatten wir in den Fünfzigern", sagt Siemen und schlägt im Bürgermeisterzimmer in seinem Privathaus die 300 Seiten starke, gedruckte Dorfchronik auf. Möbelgeschäfte, Drogerie, Mühle, Fischläden, mehrere Schlachter, Getreidegroßhandel, Reetdachdecker, Fuhrbetriebe, Lagerhäuser, Tankstellen - alle weg, für immer geschlossen wie der Bahnhof und die Molkerei, die sogar einen eigenen Käse, den Wilstermarschkäse, produziert hat. Heute ist der Dorfarzt der größte Arbeitgeber der Gemeinde. Seit Ende letzten Monats haben nun auch die rosa Deko-Schweine in der Auslage von Schlachter Alpen ihre Pflicht erfüllt. Damit ist der letzte Schlachter des Dorfes Geschichte.

"Wir haben schnell reagiert", sagt Siemen, der sein Leben als Landwirt tagsüber auf den Feldern und abends in Gemeinderat, Liedertafel oder Feuerwehr verbracht hat. Der ehrenamtliche Bürgermeister, politisch in der Wählergemeinschaft zuhause, wusste den Gemeinderat hinter sich, als er vorschlug, dass St. Margarethen sich für das Markttreff-Programm der damaligen rot-grünen Landesregierung zur Erhaltung der Dorfkerne bewerben solle. Das "größte Projekt meiner 30-jährigen Amtszeit", nennt Siemen den Markttreff, den sechzehnten, den Schleswig-Holstein in den vergangenen Jahren auf den Weg gebracht hat.


Zuschüsse von der EU

Statt den alten Edeka-Laden aufzufrischen, entschloss sich die Gemeinde gleich einen neuen zu bauen. Hell und freundlich ist er geworden, mit einem größeren Angebot als vorher. Die Hälfte des 845 000 Euro-Projektes musste das Dorf selbst aufbringen, die andere Hälfte zahlte die EU. Nun ist die Gemeinde Besitzerin des selbst errichteten Markttreffs und verpachtet den großzügigen gut 200 Quadratmeter großen Verkaufsladen plus Büro, Sozialräume und Lager zu einem subventionierten Dumpingpreis an Mehlert. "Ein Zuschussgeschäft", sagt der Bürgermeister, "aber eine Investition in die Zukunft."

"Ohne die günstige Miete kann hier heute kein Einzelhändler überleben", sagt Mehlert, der nun in seinem Markttreff versammelt, was das Dorf in den letzten Jahren verlassen hat: Donnerstags gibt es frischen Fisch aus Dithmarschen, montags frisches Obst und Gemüse vom Hamburger Wochenmarkt, man kann Schuhe zum Reparieren und Wäsche zum Mangeln und Reinigen abgeben, Lotto spielen und eine Kaffeeecke mit Internetanschluss wird es auch bald geben. Mehlerts Markttreff funktioniert wie die türkischen Gemüsehändler in der Stadt. Ohne die Hilfe der Familie ginge nichts: Eine Tochter betreibt den Blumenhandel vorn im Laden, die Familie der anderen Tochter hilft kräftig aus, Ehefrau Karin arbeitet neben der Unterstützung im Laden halbtags als Sekretärin und für Eggert Mehlert selbst wäre die Einführung der 80-Stunden-Woche wohl ein Fortschritt.

Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Mehlerts Schicksal hängt von der Solidarität der St. Margarethener ab und umgekehrt das von St. Margarethen von der Tüchtigkeit Eggert Mehlerts. Natürlich kann die Butter bei ihm keine 85 Cent kosten, sondern 99 Cent, die Milch nicht 45 Cent wie bei Aldi, sondern 76 Cent. Aber "viel teurer ist es hier nicht", findet Gudrun Hinrichsen, schwer beladen mit drei Tüten voller Fertig-Pizza, Käse und ein paar Naschereien. Die Mutter zweier Kinder hat ab 1. August einen weiteren Grund, vor Ort einzukaufen und damit Mehlerts Markttreff und das Dorf am Leben zu halten. Dann fängt ihre 16-jährige Tochter als Einzelhandels-Azubi bei Eggert Mehlert im Markttreff an. Ein Glücksgriff, sagt die 42-Jährige: "Jennifer ist bisher die Einzige aus ihrer Klasse, die eine Lehrstelle gefunden hat."