Beirat beeindruckt von MarktTreff-Dörfern –
bnur diskutiert „Nahversorgung im Wandel“

R e n d s b u r g / F l i n t b e k   MT 19.10.2016 – Von diesem Gremium und dem Geist, der hier herrsche, sei sie begeistert, zeigte sich Dr. Silke Schneider, Staatssekretärin im Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume, auf der jüngsten Sitzung des landesweiten MarktTreff-Beirats beeindruckt. Spitzenvertreter der rund 20 offiziellen MarktTreff-Partner diskutierten auf Einladung des Bauernverbandes Schleswig-Holstein auf ihrer diesjährigen Sitzung in Rendsburg aktuelle Themen rund um das Projekt MarktTreff und der ländlichen Räume Schleswig-Holsteins. So standen insbesondere die Integration von Flüchtlingen, neue Mobilität und die genossenschaftliche Trägerschaft bei MarktTreffs im Fokus.

 

„Die bundesweite Beachtung für das Projekt MarktTreff spricht für sich“, betonte Werner Schwarz, Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein bei seiner Begrüßung. Der demographische Wandel schlage nicht nur im nördlichsten Bundesland zu, sondern auch in Mecklenburg-Vorpommern oder in der Eifel. Deshalb empfahl Schwarz: „Unser Projekt MarktTreff ist kopierwürdig.“ Aber der Fokus müsse im ländlichen Raum nicht nur auf Nahversorgung, sondern auch auf die Bauern gelegt werden. Denn es gebe bereits erste Dörfer, die keine Bauern mehr hätten.

 

Konrad Gromke vom Helferkreis Probsteierhagen im Kreis Plön löste mit seinem Bericht „Flüchtlinge im ländlichen Raum – erste Erfahrungen“ einen intensiven Austausch zum Thema Integration aus. Wichtiger Faktor bei der Erfolgsgeschichte in seiner Gemeinde sei, so der ehemalige Bürgermeister, dass sich um die 42 Flüchtlinge 30 engagierte Menschen aus dem Ort kümmerten. Hans Joachim Am Wege vom Schleswig-Holsteinischen Gemeindetag sprach große Anerkennung für die geleistete Arbeit aus und ergänzte: „Ich könnte jetzt spontan 30-40 andere Gemeinden aufzählen, die ebenfalls tolle Arbeit leisten. Doch ehrenamtliches Engagement allein reicht nicht aus. Die Integration der Menschen kostet auch Geld. Und es braucht einen langen Atem und zusätzliches Personal. Wir führen deshalb momentan die Diskussion, wie die Kosten aufgeteilt werden sollen.“ Für Wolfgang Beer, Vizepräsident des Landessportverbandes Schleswig-Holstein ist es ganz wichtig, „unsere Mitarbeiter weiterzubilden zu Themen wie Flucht, Rassismus, Grundregeln im Konfliktmanagement“. Er betonte den wichtigen Beitrag, den der Sport für die Integration leisten könne.

 

Intensive Schulungen haben in einem ganz anderen Bereich die ehrenamtlich Tätigen beim BürgerBus Ladelund hinter sich. Christel Hintz, die Fahrdienstleiterin des bürgerschaftlichen Projektes an der dänischen Grenze, stellte voller Begeisterung ihr erfolgreiches BürgerBus-Netz vor und berichtete, dass mittlerweile 35 Menschen als Fahrer mit dabei seien. „Und jetzt haben wir einen ersten Flüchtling, der mitmacht!“ Das Motto des den klassischen Liniendienst ergänzenden Service sei „Bürger fahren für Bürger“. Nach zwei Jahren hätten die mittlerweile drei Fahrzeuge, die beim MarktTreff in Ladelund stationiert sind, bereits 30.000 Fahrgäste befördert.

 

Auf eine weitere Erfolgsgeschichte hofft auch Frank Jedicke von der Bürgergenossenschaft Barkauer Land im Kreis Plön. Im MarktTreff Kirchbarkau habe ein Betreiberwechsel angestanden und den habe die Gemeinde genutzt, um das MarktTreff-Gebäude energetisch zu sanieren und den Laden ganz neu zu gestalten. Zudem habe man für den Betrieb des MarktTreffs eine Bürgergenossenschaft gegründet. Jedicke: „Unsere Devise dabei: Leiht uns euer Geld – und wir machen damit für alle was. Und die fand Anklang.“ In kurzer Zeit sei es gelungen, 160 Mitglieder zu gewinnen- nicht nur aus Kirchbarkau, sondern auch aus umliegenden Dörfern. Das Gemeindeübergreifende spiegele sich nun im Namen wider: „Nicht mehr MarktTreff Kirchbarkau, sondern MarktTreff Barkauer Land.“

 

 
Der landesweite MarktTreff-Beirat kam zu seiner diesjährigen Sitzung beim Bauernverband Schleswig-Holstein in Rendsburg zusammen.

 

     
Staatssekretärin Dr. Silke Schneider führte in den aktuellen Stand der MarktTreff-Thematik ein.
  Werner Schwarz, Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, wies darauf hin, dass es jetzt bereits erste Dörfer ohne Landwirte gebe.

     
Einer der BürgerBusse aus Ladelund stand direkt vor dem Gebäude des Bauernverbandes – und begeisterte die Beiratsmitglieder.

  Lösten mit ihren Impulsvorträgen eine rege Diskussion aus: Christel Hintz (BürgerBus Ladelund) und Konrad Gromke vom Helferkreis Probsteierhagen.

     
Frank Jedicke berichtete von dem bisherigen Erfolg der Bürgergenossenschaft Barkauer Land, die den Betrieb des MarktTreffs in Kirchbarkau übernommen hat.

  Eines der vielen intensiven Gespräche am Rande des MarktTreff-Beirats: Bauernverbands-Präsident Werner Schwarz (links) und Wolfgang Beer, Vizepräsident des Landessportverbandes Schleswig-Holstein.

     
Aktuelles im Fokus: Wencke Ahmling (Vorsitzende der Landjugend Schleswig-Holstein, links), Jürgen Blucha (Referatsleiter ländliche Entwicklung im Ministerium) und Staatssekretärin Dr. Silke Schneider.

  Dr. Liane Faltermeier (IHK Schleswig-Holstein) und Hans Joachim Am Wege tauschten sich über Themen der ländlichen Räume aus.


     
Aktiv im MarktTreff-Beirat: Werner Schwarz (Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein) und Lutz Frank (Vizepräsident DEHOGA Schleswig-Holstein, rechts)

  Sehr offen wurden im Beirat Fragen aus dem MarktTreff-Themenspektrum diskutiert.


     
Über aktuelle Themen und Herausforderungen berichtete Ingwer Seelhoff vom MarktTreff-Projektmanagement.

  Hermann-Josef Thoben (Vorsitzender der Akademie für die Ländlichen Räume Schleswig-Holsteins) im Gespräch mit Delf Kröger von der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein

„Nahversorgung mit MarktTreff krisenfest machen“

 

Unter der Überschrift „Nahversorgung im Wandel" trafen sich jüngst Regionalentwickler, Planer, Bürgermeister und zahlreiche Interessierte beim Bildungszentrum für Natur, Umwelt und ländliche Räume (bnur) in Flintbek. Bereits in ihrer Einführung gab Christina Pfeiffer aus dem Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (MELUR) die Richtung vor: „MarktTreff ist ein lernendes Projekt. In den Gemeinden arbeiten viele engagierte Menschen zusammen. Neue Konzepte und Entwicklungen machen Mut und stärken die Krisenfestigkeit.“


Von diesem „Mut zum Experiment“ über regionale Kooperationen bis zur Bindekraft einer Genossenschaft gingen die Ausführungen der Referenten. Ergänzt wurde das Spektrum durch den Blick der Landesplanung Schleswig-Holstein auf die Daseinsvorsorge und neue Strategien in Kooperationsräumen.

„MarktTreff muss man immer wieder ins Bewusstsein bringen. Aber wie?“, fragte Silke Hünefeld, Bürgermeisterin aus Jörl. In ihrer Gemeinde sei man neue Wege gegangen und habe insbesondere die 25- bis 40-Jährigen angesprochen. In einer lockeren „Jörler Runde“ treffe man sich und entwickle Veranstaltungen rund um den MarktTreff. Die ersten Erfahrungen seien überaus positiv: Das „Jörler Spektakel“ im Sommer habe das halbe Dorf auf die Beine gebracht und viele hätten den „MarktTreff" mit neuen Augen gesehen. „Jetzt planen wir einen Weihnachtsmarkt, bei dem noch mehr Vereine mitmachen wollen“, ergänzte Hünefeld. Durch die gemeinsamen Aktivitäten seien der Laden sowie der Sportverein belebt worden. „Die ‚Jörler Runde‘ ist offen für alle. Wir erreichen ganz neue Leute. Das Experiment ist geglückt.“ 

 

Rita Koop, Bürgermeisterin aus Sehestedt in den Hüttener Bergen, freut sich ebenfalls auf den Dezember. Dann werde der im Bau befindliche MarktTreff „direkt am Kanal“ eröffnen. „Neben dem Imbiss legen wir einen Schwerpunkt auf regionale Produkte. Viele namhafte Produzenten aus dem Umland sind mit ihren Waren vertreten“, schwärmte Koop. Sie beobachte eine verstärkte Hinwendung zur Region, zu Bio und zu Qualität. Die Belieferung mit weiteren Produkten des täglichen Bedarfs übernehme der Mobile Verkaufswagen aus Borgstedt. Alles sei auf einem guten Weg: Treffräume für Vereine, Bürgermeister-Büro, E-Bike-Ladestation – dazu komme noch ein Bouleplatz, Spielgeräte und ein Kunstwerk. „Das wird unser neues Zentrum. Wir haben bei unserer Entwicklung und Planung profitiert vom Austausch mit anderen MarktTreffs.“

 

Einer, der schon in vielen Gemeinden die Idee der Genossenschaft vorgestellt hat, ist Matthias Retzlaff, Vorstand der Treffpunkt Eiderschleife eG in Delve. „Genossenschaft ist Gemeinschaft. Wir haben bei uns bereits 192 Bürgerinnen und Bürger dafür begeistert“, führte Retzlaff aus. Dabei solle man von Beginn an ehrlich und realistisch an das Projekt gehen, gab er als Tipp: „Der Einkauf im Dorfladen kann etwas teurer sein als im Supermarkt. Aber wir haben einen echten Treffpunkt geschaffen. Im Wettbewerb mit anderen Dörfern kommt uns das sehr zugute.“


Klaus Einig von der Landesplanung aus Kiel verfolgte die Ausführungen aufmerksam und bestätigte die Strategie: „Wir sollten flexibel die Herausforderungen der Zukunft gestalten. Demografie, Ärzteversorgung, Kitas, Betreuung stellen die ländlichen Räume vor viele Fragen.“ In puncto Daseinsvorsorge hätte die Landesplanung erstmals aussagekräftiges Datenmaterial. Das System der Zentralen Orte wolle man beibehalten, den Ansatz von Kooperationsräumen weiter verfolgen. Ein wichtiger Aspekt sei und bleibe die Erreichbarkeit – und daher müsse man künftig flexible Mobilitätsformen schaffen.

 

Mit Begeisterung berichtete Jürgen Blucha, Leiter des Referats ländliche Entwicklung im MELUR, von der kürzlich erfolgten Wiedereröffnung des MarktTreffs Barkauer Land: „Der MarktTreff ist jetzt barrierefrei und energetisch saniert. Träger ist eine Genossenschaft, die aus der Gemeinde Kirchbarkau und den Umlandgemeinden heraus gemeinsam gebildet worden sei – eine echte interkommunale Kooperation. Das weist in die Zukunft.“ In der laufenden Förderperiode werde man weiter „MarktTreffs als Häuser der Nahversorgung“ anschieben. Interessierten Gemeinden riet er zu einer frühzeitigen und intensiven Abstimmung mit den AktivRegionen und Landesämtern – „so ist man bestens vorbereitet für den Wettbewerb um Fördermittel“. (Informationen unter: www.schleswig-holstein.de/DE/Fachinhalte/L/laendlicheraeume/leitprojekteILE.html)