MarktTreff als Impulsgeber neuer Entwicklungen – Flüchtlingsfrage und Onlinehandel erschweren Planungen

MarktTreff-Beirat, bnur-Veranstaltung und Besuchergruppe aus Rostock und Kiel widmen sich aktuellen Entwicklungen der Nahversorgung.

 

K i e l MT 18.10.2015 Die diesjährige Sitzung des landesweiten MarktTreff-Beirats stand ganz im Zeichen der derzeitigen Flüchtlingsdebatte. Das Treffen beim LandFrauenVerband in Rendsburg gab Teilnehmerinnen und Teilnehmern viele Anregungen und Tipps zu Hilfen und Strategien im Umgang mit der wohl „größten Herausforderung, die uns aktuell beschäftigt“. Mit dieser Einschätzung eröffnete der für ländliche Räume zuständige Umweltminister Robert Habeck als Vorsitzender des Beirats den Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern großer Landesverbände und Institutionen.
Tags darauf war MarktTreff präsent bei einer Veranstaltung zur „Zukunft der Nahversorgung: mobil oder stationär?“ im Bildungszentrum für Natur, Umwelt und ländliche Räume (bnur) in Flintbek. Gemeinsam mit der Akademie für die Ländlichen Räume und dem Ministerium für ländliche Räume zog das bnur mit dem Thema Interessierte aus ganz Schleswig-Holstein an.
Eine Besuchergruppe aus Mecklenburg-Vorpommern nutzte die Reise ins nördliche Nachbarland zum intensiven Kennenlernen und Austausch an drei MarktTreff-Standorten.

 

Für die ländlichen Räume könne der aktuelle Zuzug von jungen Menschen aus vielen Ländern eine echte Chance sein, legte Habeck zu Beginn des MarktTreff-Beiratstreffens dar. „Aber wir alle müssen die Entwicklung aktiv gestalten. Ansonsten droht uns ein Auseinanderfallen der Gesellschaft“, so Habeck weiter. Heute gelte es, die Solidargemeinschaft neu zu schaffen, das „Ausbluten der ländlichen Räume“ beschreibe noch die „alte Welt".


In einer Diskussionsrunde mit Marga Trede, Präsidentin des LandFrauenVerbandes und Wolfgang Beer, Vizepräsident des Landessportverbandes (LSV), tauschte sich Habeck über deren Hilfen aus. In vielen Kreis- und Ortsverbänden der LandFrauen werde aktiv Unterstützung geleistet, so Trede. Es würden Fahrräder und Kleidung gesammelt, Patenschaften übernommen und Sprachkurse angeboten. „Vielleicht klappt die Integration auf dem Dorf besser als in der Stadt“, so Trede weiter, „aber viele im Ehrenamt sind müde.“


Wolfgang Beer betonte in seinen Ausführungen die klare Abgrenzung im Sport gegen jede Form von Ausgrenzung und Rassismus: „Sport ist die beliebteste Freizeitbeschäftigung. Mit 2.600 Sportvereinen haben wir flächendeckend ein großes Potenzial“, ergänzte Beer. Mit vernetzten Angeboten und Projekten würde man diese gesamtgesellschaftliche Aufgabe bewältigen.


Eine besondere Betonung erfuhr die Frage der Integration von Frauen. Hier müsse verstärkt angesetzt werden, betonte auch Minister Habeck und verwies auf Sprachkurse und Fragen bei der Ausübung des Glaubens. Frauke Tengler vom DRK sprach sich für eine Frauenquote bei Sprachkursen aus. Beer stellte als Ziel des LSV die Aus- und Fortbildung von Migrantinnen und Migranten zum Übungsleiter in Aussicht. In der Diskussion wurden weitere Instrumente genannt, so das Schaffen von Anreizsystemen für die Integration.

 

 Minister Robert Habeck im Kreis von Teilnehmern der MarktTreff-Beiratssitzung

 

Im Anschluss sprachen Urte Andresen, Fachstelle Migration beim Diakonischen Werk Husum, und Volker Stiefel, MarktTreff-Kaufmann aus Tetenhusen, über aktuelle Hilfsangebote und ihre Erfahrungen damit. In Nordfriesland sei man schon weit, so Andresen, in jedem Funktionsraum sei eine Fachstelle für Migration eingerichtet. MarktTreffs könnten künftig eine neue Funktion einnehmen, hob Andresen hervor, „als Internet-Café zur Verbindung in die Heimat, für Deutschkurse und Einkaufshilfen oder als Vernetzungsstelle“. Die Hilfsbereitschaft in ländlichen Gemeinden sei groß, jetzt sei es an der Zeit, diese zu strukturieren. Vom Land wünsche man sich etwas weniger Bürokratie und mehr Arbeitssicherheit, zum Beispiel bei den Erlassen zum Betreuungsgeld. In ihrer Arbeit werde sie nahezu täglich konfrontiert mit Fragen zu einer passenden Verbindung von Asylanten mit möglichen Paten – das komme schon einem „Profiling“ gleich.


Volker Stiefel betonte eine große Hilfsbereitschaft seitens des Einzelhandels. Als Beispiele nannte er das Sammeln von Leergutbons für Flüchtlinge, besondere Sprachhilfen, das Bereitstellen von speziellen Multipacs für Hygieneartikel und das Angebot, abgelaufene Waren abzuholen – ein Angebot, wie es auch an „die Tafeln“ gerichtet sei. Einzelne Supermärkte würden sich gezielt gegen rassistische Anfeindungen wehren: „Nur Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit hilft.“


Wichtiger Aspekt war für alle Akteure, die Hilfsangebote nicht auf Flüchtlinge zu beschränken, sondern sozial Schwache ebenso anzusprechen. „Die gesamte Gesellschaft muss im Mittelpunkt stehen. Es geht um die Frage, wie wir morgen zusammen leben wollen“, so ein Beitrag.


Angesichts dieser aktuellen Herausforderungen geriet der MarktTreff-Rückblick mit Zahlen, Daten und Fakten etwas in den Hintergrund. Deutlich wurde dabei jedoch die Vielschichtigkeit des schleswig-holsteinischen Modells. "MarktTreff berührt viele Bereiche meines Ministeriums: E-Mobilität, freies WLAN, Bürgerbeteiligung, regionale Produkte, Nahversorgung, Ortskernentwicklung“, schloss Habeck dankend das Treffen.

 


Engagierter Austausch beim MarktTreff-Beirat: Marga Trede (Präsidentin LandFrauenVerband), Minister Robert Habeck, Monika Dürrer (Geschäftsleitung Handelsverband Nord) und Volker Stiefel (Kaufmann und Betreiber des MarktTreff Tetenhusen)

 

 

„Zukunft der Nahversorgung – stationär oder mobil“

 

Eine vielfältige Themenwahl, interessante Referate und eine überaus engagierte Diskussion kennzeichneten die jüngste Veranstaltung zur Zukunft der Nahversorgung beim bnur. Von neuen gesundheitlichen Versorgungsansätzen über das sehr erfolgreiche Modell eines Bürgerbus-Vereins bis zu Mobilen Kaufleuten und dem Einsatz einer Kümmerin reichte das Spektrum. Besonders häufig befragt wurde Armin Fliegauf, ehrenamtlicher Vorstand beim Bürgerbus Ladelund e. V.: Betreibt der Verein doch mittlerweile mit zwei Bussen und über 30 ehrenamtlichen Fahrerinnen und Fahrern einen regelmäßigen Linienverkehr. Von 6.45 Uhr bis 19 Uhr verkehren die Busse mit Fahrgästen aller Altersgruppen. „Man muss sich ehrgeizige Ziele setzen“, erläuterte Fliegauf in Bezug auf die Erfolgsfaktoren. Und im Vorstand würden unterschiedliche Fähigkeiten und Meinungen gebündelt.

 

 
Kompetente Runde in Flintbek: Michael Stühmer aus dem Amt-Kropp-Stapelholm, Bürgermeister Gero Neidlinger, Moderator Dieter Witasik, Ehrenamtskoordinatorin Britta Flindt und Armin Fliegauf, vom Bürgerbus Ladelund.

 

Gero Neidlinger, Bürgermeister aus Borgstedt und Amtsvorsteher der Hüttener Berge, stellte das neue MarktTreff-Modell der Gemeinde vor: ein Café mit kleinem Ladenbereich für „Nachkauf“produkte und zusätzlich ein mobiler Lieferdienst für die weitläufige Region. Man habe lange auf die Chance hingearbeitet und am Ende auch „Glück gehabt“. Dieses Glück wünschte sich ebenfalls Britta Flindt, Ehrenamtskoordinatorin aus der Gemeinde Hennstedt in Dithmarschen: „Wir haben sechs Wochen unseren MarktTreff gehabt, da wurde er nach einem Wasserschaden wieder geschlossen.“ Sie würde jetzt vom Jugendzentrum aus ihre Arbeit tun: Vereine vernetzen, einen Veranstaltungskalender koordinieren, ältere Bürger beraten – und letztlich die Sanierung des MarktTreffs begleiten. Ein solches Kümmerermodell werde in immer mehr Gemeinden nachgefragt.

 

Michael Stühmer stellte in seinem Beitrag den „Mobilen Kaufmann“ für 14 Gemeinden rund um sein Amt Kropp-Stapelholm vor. Viele gerade ältere Menschen würden das sehr persönliche Angebot „mit dem kleinen Schnack zwischendurch“ schätzen. Bei aller Sympathie für individuelle Lösungen wies Julius Nommensen, Geschäftsführer bei Bartels-Langness, in einem Redebeitrag auf den zunehmenden Einfluss von Onlinediensten wie Amazon hin. „Wir wissen nicht, wie sich der Einzelhandel in den kommenden fünf bis zehn Jahren entwickeln wird.“ Anbieter wie Amazon würden kurzfristig mit neuen Lieferformaten starten und den ohnehin schon ruinösen Wettbewerb weiter anheizen. Seine Botschaft: um Online und Tablets werde bald niemand mehr herumkommen.

 

 

Besucher aus Nordkirche und IHK vom Modell MarktTreff begeistert

 

Die Vielfältigkeit und der individuelle Ansatz unter einer stets verbindenden Projektidee beeindruckte eine Besuchergruppe, die jetzt die MarktTreffs Koberg (Kreis Herzogtum Lauenburg), Hohenfelde (Kreis Plön) und Neuwittenbek (Kreis Rendsburg-Eckernförde) besuchte. Christian Peters (Rostock) und Ulrich Ketelholdt (Kiel) vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt der Nordkirche sowie Dr. Liane Faltermeier von der Industrie- und Handelskammer Kiel zeigten sich beeindruckt, wie in den Gemeinden im Zusammenspiel von Gemeindevertretung, Dorfschaft und Wirtschaftspartnern jeweils Lösungen an diesen schleswig-holsteinischen Standorten gefunden wurden, die auf die Anforderungen und Bedürfnisse maßgeschneidert sind. Kobergs Bürgermeister Jörg Smolla erläuterte den Gästen, welche Bedeutung es für sein rund 760 Einwohner zählendes Dorf gehabt habe, einen solchen Ortsmittelpunkt mit kleinem Laden und Kulturscheune zu entwickeln und zu realisieren. Seine Kollegin Gesa Fink schilderte das hohe Engagement und das strukturierte Vorgehen, was den MarktTreff in Hohenfelde zu einem Erfolg habe werden lassen. MarktTreff-Betreiberin Maret Bruhn vom „Wittenbeker Höker“ unweit des Nord-Ostsee-Kanals machte den Besuchern klar, dass nur durch ein ausgesuchtes Angebot und sehr persönlichen Service ein kleiner Dorfladen existieren könne. Stets sei es eine Gratwanderung, bei der viel Enthusiasmus erforderlich sei – „aber mir macht es auch noch nach 18 Jahren einfach Spaß“.

 


Diskutierten bereits beim Rundgang durch den Laden im MarktTreff Hohenfelde: Bürgermeisterin Gesa Fink, Ulrich Ketelholdt (KDA Nordkirche), Dr. Liane Faltermeier (IHK Kiel) und Christian Peters (KDA Nordkirche).

 

Christian Peters, Sozialökonom aus Rostock, der selbst die Entwicklung von Dorfläden in Mecklenburg-Vorpommern begleitet, sah nach der Besuchstour die Stärke der MarktTreffs darin, gerade die soziale Komponente, die das Projekt durch seinen multifunktionalen Ansatz auszeichne, zu betonen. Das sei etwas, was in Mecklenburg-Vorpommern so noch nicht in der Breite zu beobachten sei.