MarktTreff gibt Impulse zur Innenentwicklung -
Ulrich Spitzer, IHK Flensburg, im Interview

F l e n s b u r g MT 27.07.2015 − Die Industrie und Handelskammer Schleswig-Holstein ist seit langem Partner des Nahversorgungsprojektes MarktTreff. Ein Zeichen dafür, dass auch die ländlichen Räume Schleswig-Holsteins im Fokus der IHK stehen. Ulrich Spitzer von der IHK Flensburg, die gemeinsam mit dem BNUR und der Akademie für die Ländlichen Räume Schleswig-Holsteins Mitte September ein Fachseminar zur Innenentwicklung von Dörfern veranstaltet, erläutert im Interview warum.

 

Die schwierige Entwicklung von Innenstädten ist in aller Munde. Was bringt die IHK Schleswig-Holstein dazu, sich mit diesem Thema im Bereich der ländlichen Räume zu beschäftigen?

Spitzer: Die Herausforderungen von Innenbereichen erleben wir in den ländlichen Räumen viel stärker als in den Zentren, die meist ausreichend eigene Dynamik entfalten. In den ländlichen Orten fehlen diese „Selbstheilungskräfte" oft aus mehreren Gründen: Der demografische Wandel spielt die größte Rolle, ganz eng damit verbunden ist eine tiefgreifende Strukturveränderung der Dorfkerne.

 

Unattraktive Dorfkerne mit Leerständen, Flächenverbrauch am Dorfrand und gesichtslose Neubaugebiete: Wie können aus Ihrer Sicht gerade kleinere Gemeinden auf diese Herausforderungen richtig reagieren?

Spitzer: Zunächst einmal: Es gibt keine Standardlösungen. Und oft stehen komplexe Themen wie Eigentumsfragen schnellen Lösungen entgegen. Daher muss jeder betroffene Ort zunächst einmal eine Positionsbestimmung vornehmen.

Geht es um mehr Wohnraum - und wenn ja, soll das Wohnen für Ältere erleichtert oder Platz für jungen Familien geschaffen werden? Oder ist das Ziel, Möglichkeiten für Gewerbe und Handwerk neu zu gestalten? Oder soll es mehr Freiraum geben? Für alle Wege gibt es bereits gute, individuelle Beispiele, die wir in unserem Seminar auch ansprechen werden.

 

 


 
In der Gemeinde Alt Duvenstedt ist um den MarktTreff - bestehend aus Lebensmittelmarkt und Marktstuuv mit Treff
und Bücherei -  herum ein neues Dorfzentrum mit Arztpraxis, Feuerwehr und Kindergarten entstanden.

 

 

Welche Rolle spielen beim Thema Innenentwicklung für die IHK Netzwerke?

Spitzer: Netzwerke sind die Basis für einen strukturierten Erfahrungsaustausch. Dabei kommt es idealerweise dazu, gute Beispiele im besten Sinne zu kopieren, aber auch Fehler, die andernorts gemacht worden sind, ein zweites Mal zu vermeiden. Offenheit, aber auch ein realistischer Blick auf die eigenen Möglichkeiten und Chancen sind die Voraussetzung für erfolgreiche Netzwerke.

 

Gemeinsam mit der Akademie für die Ländlichen Räume laden Sie am 15. September 2015 nach Flintbek ins Bildungszentrum für Natur, Umwelt und ländliche Räume ein. Ihr Thema: Innenentwicklung - Neuer Raum für
Wirtschaft und Wohnen mit Naturschutzaspekten. Wo setzen Sie bei der Veranstaltung die Schwerpunkte?

Spitzer: Wir wollen mit unserem Seminar zunächst einmal unterstreichen, dass es mehrere Wege zum Ziel einer erfolgreichen Innenentwicklung gibt. Der Anstoß und die Zielbestimmung muss aus den Orten selber kommen und kann nicht zentral vorgegeben werden. Wir werden aber auch anhand konkreter Beispiele aufzeigen, welchen Weg einzelne Dörfer eingeschlagen haben und vor allem, wie solche Entwicklungsprozesse gestaltet werden könne, welche Fallstricke zu vermeiden sind und wer unterstützen kann. Ich würde mich außerdem sehr freuen, wenn unsere Veranstaltung auch Handlungsbedarf für die Politik aufzeigt, damit rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen weiter verbessert werden.

 

 

Aus einer Reihe schleswig-holsteinischer Gemeinden wissen wir, dass diese mit ihren MarktTreff-Projekten zugleich Innenentwicklung be- und vorangetrieben haben. Was können andere Kommunen davon lernen?

Spitzer: Handel als wirtschaftliche und gesellschaftliche Angelegenheit spielt seit jeher eine zentrale Rolle in den Ortschaften. Der demografische Wandel, aber auch andere Einkaufsgewohnheiten und -wünsche der Menschen haben zu einem tiefgreifenden Strukturwandel im Einzelhandel geführt. Viele ländliche Orte haben im Zuge dieser Entwicklung die Ladengeschäfte verloren. MarktTreffs sind eine Möglichkeit, hierbei eine Umkehr zu erreichen, wenn der klassische Einzelhandel aus ökonomischen Gründen keine Alternative bieten kann. Die Rückkehr der Nahversorgung durch einen MarktTreff kann also ein Weg sein, Dorfzentren wiederzubeleben und damit dem ländlichen Raum eine Zukunft zu geben.

 

 

  Der MarktTreff in Heidgraben (Kreis Pinneberg) liegt mitten im neuen Dorfzentrum mit Marktplatz und einem neuen "Quartier am MarktTreff".

 

 

Wie kann die IHK dabei unterstützen?

Spitzer: Die IHKs im Land arbeiten mit dem MarktTreff-Projekt seit langem partnerschaftlich zusammen. Uns geht es dabei nicht um eine Konkurrenz zu privatwirtschaftlichen Handelsformen. Diese - ob stationär oder mobil - haben für uns prinzipiell Vorrang. Vielmehr sehen wir MarktTreffs unter ganz bestimmten Voraussetzungen als einen Ansatz, Wertschöpfung in den ländlichen Raum zurückzuholen und ihm dadurch zu eigener Kraft zu verhelfen.

 

 

 

Weitere Informationen zur Veranstaltung finden Sie unter www.alr-sh.de.

 

 

 


            Ulrich Spitzer ist Diplom-Volkswirt (Universität Passau) und seit 1998 für die IHK Flensburg tätig. Seit 2009 ist er stellvertretender Hauptgeschäftsführer und daneben weiterhin Geschäftsbereichsleiter Standortpolitik.