Zukunft Dorf: Neue Vielfalt leben – Praktiker sehen Dorfgemeinschaften vor Herausforderungen und im Wandel

K I E L MT 24.04.2015 - Viel Mut zur Zukunft der Dorfgemeinschaft und Freude am Wandel - mit diesem optimistischen Ausblick verließen rund 60 Teilnehmer aus ganz Schleswig-Holstein eine halbtägige Veranstaltung im Bildungszentrum für Natur, Umwelt und ländliche Räume (bnur) in Flintbek bei Kiel. Zuvor wurden intensiv die Fragen beleuchtet und diskutiert: Wie wichtig ist die Dorfgemeinschaft für zukunftsfähige Dörfer? Gibt es eine neue Kultur des Miteinanders? Wie können Dörfer mit Demografie, Migration und Integration umgehen? Zu den vier Impulsreferenten gehörte Hans-Peter Ebeling, Vorstand der Bürgergenossenschaft Heidgraben (Kreis Pinneberg), der eindrucksvoll die Bedeutung der Genossenschaft für die Entwicklung des MarktTreffs und der Gemeinde Heidgraben darstellte.

 


 

„Binden Sie möglichst alle Akteure und Fraktionen in den Entwicklungsprozess mit ein", so seien die in Heidgraben anfangs reichlich vorhandenen Bedenkenträger überzeugt worden. Heute seien fast 25 Prozent der Haushalte in der 2.500 Einwohner starken Gemeinde Mitglieder der Bürgergenossenschaft. Mit dieser Botschaft unterstrich Hans-Peter Ebeling seine Erfolgsgeschichte. Doch zuvor sei eine Menge Arbeit geleistet worden - hauptsächlich von Ehrenamtlern, die zudem mit der Genossenschaftsgründung Neuland betreten hätten. Rat und Unterstützung sei von der VR-Bank gekommen, von der coop und vom Genossenschaftsverband. Gezielt sei jeder Haushalt über die Idee und Vorteile informiert worden und am Ende seien rund 50.000 Euro eingesammelt worden. „Das Geld haben wir in die Ausstattung unseres MarktTreffs investiert. Damit ist ein wichtiger Treffpunkt für unsere wachsende Gemeinde entstanden", so Ebeling weiter. Zugleich kritisierte er die hohen bürokratischen Anforderungen, die an ein mit EU-, Bundes- und Landesmitteln gefördertes Projekt gestellt würden. „Lassen Sie sich von Bürokratie nicht abschrecken", da müsse man durch. Heute seien die Bürgergenossenschaft und der MarktTreff in jeder Hinsicht ein Gewinn, schloss Ebeling.

 


Holger Wittig-Koppe (Paritätischer, l.) lauscht den Ausführungen von Hans-Peter Ebeling
(Bürgergenossenschaft Heidgraben), ebenso wie Ralf Heßmann (Bürgermeister Hattstedt und
Amtsvorsteher Amt Nordsee Treene) und Bibeth von Lüttichau (Amt Hüttener Berge)

 

Thomas Dose, stellvertretender Bürgermeister aus Neukirchen (Kreis Nordfriesland), stellte das in seiner Gemeinde praktizierte „Kümmerer-Modell" vor. „Mit dem Namen sind wir nicht ganz glücklich, aber das Angebot stimmt", so Dose. In der Wiedingharde spüre man schon seit einigen Jahren den demografischen Wandel. Vereine, Treffs, Parteien hätten es zunehmend schwer, Bürgerinnen und Bürger langfristig zu gewinnen. Der Trend würde hin zu Projekten gehen. Als Ergebnis einer Seniorenversammlung sei das Modell der „Dorfkümmerer" entwickelt worden. „Wir haben nicht lange Papiere geschrieben, sondern gemeinsam mit dem DRK einfach gemacht." Heute würden Hilfe- und Unterstützung-Suchende mit entsprechenden Angeboten zusammengebacht. Immer dienstags und donnerstags würden die vier „Kümmerer" beraten, vermitteln und koordinieren: Behördengänge würden begleitet, Anträge vorbereitet, Kontakte hergestellt. Die Zielgruppen seien vielfältig: Alleinstehende, Alleinerziehende und zunehmend ältere Menschen. „Gerade die wollen so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben. Dabei unterstützen wir sie", beschrieb Dose eines der Ziele. Zugleich werde das Wir-Gefühl in der Gemeinde gestärkt. Künftig wolle man sich intensiver mit Quartierskonzepten befassen.

 

Carla Kresel, AktivRegions-Managerin, berichtete in der Diskussion über ein gerade stattgefundenes Treffen der „Dorfkümmerer" in Nordfriesland Nord: „Wir beobachten noch eine gewisse Scham bei betroffenen Menschen, die Angebote zu nutzen." Die Hilfsangebote seien zur Zeit noch größer als die Nachfrage. Künftig wolle man stärker über das Angebot aufklären und dafür werben. Im Übrigen sei das Modell der „Dorfkümmerer" aus einer Studie über die Chancen einer mobilen Nahversorgung im Amt Südtondern hervorgegangen.

 

Über Aktivitäten aus dem Amt Hüttener Berge berichtete Bibeth von Lüttichau: „Wir befassen uns intensiv mit Fragen des Ehrenamts und Angeboten zur Nachbarschaftshilfe." Ausgehend von der „Zukunftsstrategie Daseinsvorsorge", solle eine Bündelung und Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements erreicht werden. Eines der Instrumente sei eine Internetplattform für Nachbarschaftshilfe, die aktuell rund 200 Mal monatlich angeklickt werde. Künftig wolle man mit Unterstützung des „Paritätischen" eine Entwicklungswerkstatt Bürgerengagement durchführen.

 

Da traf es sich gut, dass in der anschließenden Diskussion Holger Wittig-Koppe, der Projektleiter beim „Paritätischen", vertreten war. Er stellte eine sich vollziehende Veränderung in der Dorfgemeinschaft dar. Die klassischen Vereine würden zunehmend Schwierigkeiten haben, Mitglieder zu gewinnen. Überall sei eine Projektorientierung zu beobachten, Bürger würden sich möglichst für konkrete Anliegen und zunächst einmal kurzfristig engagieren wollen. Die angesprochene Entwicklungswerkstatt solle hier konkrete Antworten finden: „Auf den Wandel müssen wir klug reagieren." So solle die klassische Auszeichnung für jahrzehntelange Vereinsarbeit ersetzt werden durch eine neue „Belohnungskultur" - Beteiligung, Eigenverantwortung, Transparenz seien hierfür Stichworte.

 

Über den Wandel und damit verbundene Herausforderungen für die Dorfgemeinschaft sprach ebenfalls Ralf Heßmann, Bürgermeister in Hattstedt und Amtsvorsteher im Amt Nordsee Treene. Sein Ausgangspunkt war der zunehmende Zuzug von Flüchtlingen und Migranten im Amtsbereich: „Wir bekommen im Wochenrhythmus rund 150 Asylbewerber aus aller Welt." Da helfe nur eines: Jetzt etwas tun, sonst würden sich Subkulturen bilden. Wichtig sei die Zusammenarbeit aller Bereiche: Verwaltung, Ehrenamt, Kirche, Wirtschaft, Presse - eine weites Netz für Information, Hilfe, Unterstützung, Integration sei zu spannen. So seien durch gute Berichterstattung rund 50 Ehrenamtler gewonnen worden, die sich der teils traumatisierten Menschen annehmen und diese begleiten würden. Bürger hätten ihre Ferienwohnungen zur Unterbringung zur Verfügung gestellt, Vereine und Feuerwehren würden die Aufgabe erkennen und angehen. „Die Situation ist für uns alle neu. Gehen wir mit Mut und Zuversicht daran", so Heßmann. Aktuell werde eine große Halle eröffnet - ausgestattet mit gespendeten Dingen des täglichen Bedarfs: Geschirr, Elektroartikel, Bettwäsche, Fahrräder. Junge Asylbewerber sollten zudem angeleitet werden, dabei mitzuarbeiten. Künftig werde es verstärkt darum gehen, den Arbeitsmarkt zu öffnen, Ausbildungen zu ermöglichen. Die ersten sechs jungen Menschen aus Eritrea unterstützen schon den Sportverein und lernen die Sprache. „Mit einem 'Moin' öffnet sich so manche Tür."

 


Die Referenten im Gespräch mit Moderator Dieter Witasik (3.v.r.): Holger Wittig-Koppe, Hans-Peter
Ebeling, Ralf Heßmann, Bibeth von Lüttichau, Carla Kresel und Thomas Dose (v.l.n.r.)

 

Christina Pfeiffer, Projektkoordinatorin MarktTreff beim Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume hat die Veranstaltung „Zukunft Dorf" begeistert: „Hier ist Freude am Wandel, Mut zum Anpacken verbreitet worden. Viele ländliche Gemeinden gehen neue Wege. Das müssen wir noch stärker vermitteln, damit viele davon lernen und profitieren können." Zugleich war die erfolgreiche Veranstaltung ein guter Auftakt für den Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft", der vom Ministerium 2015 wieder ausgelobt wird.