Nahversorgung der Zukunft: „Punkten mit mehr Service, Pioniergeist und Gemeinschaft!“ – Experten diskutieren regionale und internationale Entwicklungen

K i e l  MT 28.10.2014 - Was zeichnet die Nahversorgung der Zukunft aus? Wie sehen erfolgreiche Angebote im Einzelhandel, bei der Bildung und der Gesundheit in ländlichen Regionen aus? Was können wir von regionalen und internationalen Entwicklungen lernen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer halbtägigen Veranstaltung im Bildungszentrum für Natur, Umwelt und ländliche Räume in Flintbek bei Kiel. Rund 50 Teilnehmer aus ganz Schleswig-Holstein waren überrascht und angeregt von den vier Impulsreferaten - unter anderem gehalten von Martina Goetz, Geschäftsführerin der Beruflichen Bildung im DHB (Deutscher Hausfrauenbund) und mit ihrer Institution seit drei Wochen neue Betreiberin des MarktTreffs in Kirchbarkau (Kreis Plön).

 



In Skandinavien gebe es eine offene Haltung zu Neuerungen - und innovative Ideen würden schnell und pragmatisch umgesetzt. Krisen würden eher als Chance begriffen. Mit dieser Einschätzung begleitete Dr. Astrid Könönen von der dänischen Beratungsgruppe Ramböll ihre Vorstellung ausgewählter Nahversorgungs-Modelle in nordeuropäischen Ländern. In der Telemedizin sei es gelungen, mit IT-gestützten Anwendungen junge Ärzte für die Arbeit in ländlichen Regionen Dänemarks zu begeistern. Ebenso würde das Modell der „Gesundheitszentren" nach einer erfolgreichen Pilotphase weiter im Land ausgerollt. „Die Bündelung von Angeboten steht im Mittelpunkt des Konzeptes", so Könönen weiter. Dieser Ansatz werde auch in Finnland verfolgt: Schulen in Kombination mit Gemeindetreffs würden eine lebendige Dorfgemeinschaft stärken - und dies generationenübergreifend. „Kinder und Jugendliche werden sehr früh an das Ehrenamt herangeführt und übernehmen Verantwortung für die Gemeinschaft", hob Könönen hervor. Ein weiterer Ansatz seien „Bürger-Service-Zentren", die häufig in Gebäuden von Banken angesiedelt seien: „Viele Verwaltungsvorgänge werden schon digital gelöst, so wird Zeit gewonnen für bürgerfreundliche Services."

 


  

Dr. Astrid Könönen berichtete über
Entwicklungen und Modelle in Skandinavien.
  Marco Schultz lobte das MarktTreff-Modell und betonte, dass
gerade Service und Gemeinschaft wichtige Pluspunkte seien.

 

Mit eindrucksvollen Bildern eröffnete Marco Schultz, Top-Manager beim internationalen Lebensmittelkonzern Unilever, seinen Vortrag. Schultz stammt aus Eggebek im Kreis Schleswig-Flensburg und ist heute - nach zahlreichen internationalen beruflichen Stationen - von Istanbul in der Region NAMET/RUB (Nordafrika, Mittlerer Osten, Türkei, Russland, Ukraine und Weißrussland) tätig - „Regionen, die Sie täglich in den Nachrichten erleben", wie er betonte. Landflucht sei ein globales Thema, täglich würden 200.000 Menschen ihr Dorf verlassen und in eine Stadt ziehen. Vor allem die soziale Gemeinschaft würde darunter leiden.

 

Nahversorgungsmodelle wie MarktTreffs seien aus seiner Sicht beispielhafte Ansätze, die unbedingt weiter verfolgt werden sollten. Hier würden bereits heute beispielgebend praktische Lösungen entwickelt und Erfahrungen gesammelt, die andere Regionen dringend bräuchten. „Ein tolles Projekt mit einer einzigartigen Unterstützung - machen Sie da bloß weiter", lobte Schultz, der bei Unilever Verantwortung als Vice President Foods NAMET / RUB trägt. Künftig würden sich vor allem „Convenience Shops" mit 200 bis 300 Quadratmeter Größe und rund 2.500 Artikeln überdurchschnittlich entwickeln, am besten in Kombination mit digitalen Lösungen. „Freies Internet ist für ländliche Regionen einfach ein Muss", so die Forderung von Schultz. WLAN sei nicht mehr ein Wettbewerbs-, sondern ein „Hygiene"-Faktor. Nicht ohne Grund werde von der UN derzeit der freie Zugang zum Internet als mögliches Menschenrecht thematisiert. In der anschließenden Diskussion appellierte Schultz an eine möglichst „schnelle Anpassungsfähigkeit", das sei ein Megatrend: „Sie müssen heute alle zwei Jahre Ihre Strategie auf den Prüfstand stellen." Es gehe darum, ein sehr genaues und immer aktuelles Verbraucherverständnis zu erreichen. Als weitere Erfolgsbausteine nannte der aus einer Kaufmannsfamilie stammende Manager Experimentierfreudigkeit und soziale Netzwerke.

 

Christian Klems aus Jülich-Barmen bei Köln stellte auf der Tagung das an vielen Standorten laufende Modell der „DORV-Zentren" vor - DORV steht für „Dienstleistungen und Ortsnahe Rundum-Versorgung". Ähnlich wie MarktTreff kombiniert das Modell verschiedene Angebote unter einem Dach wie Einzelhandel, Dienstleistungen, Treffs, Gesundheits- und Verwaltungsleistungen. Wesentlicher Erfolgsfaktor sei die frühzeitige und intensive Einbindung der Menschen. „Wir haben gute Erfahrungen mit der Beteiligung über Geschäftsanteile gemacht. Wer sich mit 200 Euro am Laden beteiligt, kauft auch dort ein", so Klems. Zudem werde die regionale Wirtschaft wie Bäcker, Schlachter, Lieferservice und Abholdienst eingebunden.

 


  

Referent Christian Klems vom Modell „DORV-Zentren" betonte die
Bedeutung des Beteiligungsaspektes von Bürgerinnen und Bürgern.

  Martina Goetz, Geschäftsführerin der Beruflichen
Bildung im DHB, möchte zukünftig noch stärker im
Bereich Nahversorgung aktiv sein.

 

 

Über ihre sehr jungen Erfahrungen - „wir haben vor drei Wochen in Kirchbarkau den MarktTreff übernommen" - und ihre Vision berichtete Martina Goetz von der Beruflichen Bildung im DHB, einem gemeinnützigen Verein. Das Engagement der Beruflichen Bildung sei bewusst der Schritt in ein neues Geschäftsfeld, bei dem man sich künftig verstärkt dem Thema Inklusion widmen wolle. „Gemeinsam mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wollen wir in einem Workshop unsere Angebote und Leistungen im Bereich Nahversorgung weiter entwickeln - dabei gilt: Wir haben Lust auf Neues!", hob Goetz hervor. Nach einer positiven Anlauf- und Lernphase könne sie sich gut die Übernahme oder den Aufbau weiterer MarktTreffs vorstellen.

Eine intensive Diskussion entwickelte sich im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Tragfähigkeit von Nahversorgungseinrichtungen. Deutschland sei ein Markt mit einer sehr starken Wettbewerbsorientierung, hier würde Vieles über den Preis entschieden. Der ab 1. Januar 2015 flächendeckend geltende „Mindestlohn" werde die Lage für den kleinen Einzelhandel weiter erschweren. Marco Schultz empfahl, sich auf andere Vorteile zu konzentrieren: „Lassen Sie sich nicht auf den Preiskampf ein, punkten Sie mit mehr Service, Pioniergeist und Gemeinschaft."

 

                           Hermann-Josef Thoben (MELUR, Mitte) rief zur Offenheit für neue Entwicklungen auf.

 

In seinem Resümee betonte Hermann-Josef Thoben vom mitveranstaltenden Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume besonders den Gedanken des „lernenden Projektes": „Wir stehen am Anfang einer neuen EU-Förderperiode. Lassen Sie uns Neues ausprobieren in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Bewährtes weiterentwickeln wie die MarktTreffs. Dafür haben wir heute eindrucksvolle Impulse erhalten."