Genossenschaftsexperte Mathias Fiedler:
MarktTreff stark konzeptionell ausgearbeitet

H e i d g r a b e n - MT 18.10.2014  Mathias Fiedler, Vorstandsmitglied des Zentralverbandes deutscher Konsumgenossenschaften e.V. und Rechtsanwalt, hat jetzt erfolgreich die Gründung der Bürgergenossenschaft Heidgraben eG begleitet, die eine wichtige Rolle bei der Realisierung des MarktTreff-Projektes in der Gemeinde Heidgraben (Kreis Pinneberg) spielt. Im Interview erläutert Fiedler warum.

Die erste Genossenschaft im Zusammenhang mit einem MarktTreff ist gegründet. Welche Ziele und Rahmenbedingungen hat die Bürgergenossenschaft in Heidgraben?

Mathias Fiedler: Die Genossenschaft in Heidgraben hat zum Ziel, dass ihre Mitglieder Nahversorgungsdienstleistungen vor Ort in Anspruch nehmen können. Dazu wird sich die Genossenschaft in geeigneter Form in dem bereits fast fertiggestellten MarktTreff in Heidgraben beteiligen. Konkret bedeutet es, dass die zukünftige Genossenschaft den Betreiber vor Ort unterstützen wird. Die Förderung der Mitglieder geschieht insofern mittelbar, da nur mit der Beteiligung der Genossenschaft an dem Projekt der MarktTreff funktioniert. Die Mitglieder der Genossenschaft - also die Bürger vor Ort - engagieren sich so auch wirtschaftlich für den Laden. Wichtig ist aber weiterhin, dass der Laden so viel Umsatz macht, dass der Betrieb insgesamt wirtschaftlich ist. Die Genossenschaft kann nur unterstützen, nicht aber auf Dauer eine Fehlbedarfsfinanzierung leisten.

 

Ihr Verband, der Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften e. V. (ZdK), repräsentiert 285 Genossenschaften mit rund 323.000 Einzelmitgliedern. Welche Vorteile bietet die Rechtsform Genossenschaft - und welche Hürden hat sie?

Mathias Fiedler: Die Genossenschaft ist aus unserer Sicht immer dann eine sinnvolle Rechtsform, wenn gemeinschaftlich wirtschaftlich gehandelt werden soll und die Teilhaber gleichzeitig die Nutzer der Angebote sind. Bei den Dorfläden, die direkt über eine Genossenschaft geführt werden, wird dies besonders deutlich - hier sind die Nutzer auch die Miteigentümer. Grundsätzlich können solche Projekte auch in anderen Rechtsformen organisiert werden. Aber bei einer größeren Mitgliederzahl, die sich regelmäßig ändert und bei der es eine Haftungsbeschränkung geben soll, ist unserer Ansicht nach die eingetragene Genossenschaft die am besten geeignete Rechtsform.
Hürden bestehen in den Rechtsformkosten, die diese Genossenschaft auslöst: Neben den üblichen Kosten für Buchführung und Jahresabschluss kommen noch regelmäßige Kosten für die Prüfungen dazu. Die Prüfungen bringen den handelnden Personen auch Sicherheit. Allerdings wird die Nutzen-Kosten-Relation gerade bei Kleinstgenossenschaften mit wenig Umsatz meist sehr kritisch gesehen.

 

Welche weiteren Modelle mit bürgerschaftlicher Beteiligung sind aus Ihrer Sicht im Umfeld von MarktTreff möglich und sinnvoll?

Mathias Fiedler: Die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft bietet sich in vielen Bereichen an, in denen sich die Bürger beteiligen können oder wollen. So gibt es schon eine Reihe von genossenschaftlichen Schwimmbädern oder Kinos. Es kommt immer darauf an, was die Menschen vor Ort für einen Bedarf haben und ob sich genügend Personen dafür interessieren und bereit und in der Lage sind, das Projekt mit Engagement und Kapital zu unterstützen. Denn mit Geld allein ist es nicht getan - der Betrieb einer eingetragenen Genossenschaft bedeutet auch viel Arbeit, die häufig ehrenamtlich durchgeführt wird.

 

Warum hat sich das Genossenschaftsmodell bisher in Schleswig-Holstein bei Dorfläden noch nicht durchgesetzt, in anderen Bundesländern aber schon?

Mathias Fiedler: In Schleswig-Holstein ist ein sehr spezielles Modell entwickelt worden, das auf einen selbständigen Kaufmann als Betreiber aufbaut, der von der Gemeinde unterstützt wird. Zusätzlich sollen sich die Bürger auch beteiligen, aber eben nicht materiell, sondern ideell durch Unterstützung des Treffs. Dazu ist es ja schon häufiger zu Vereinsgründungen gekommen. In anderen Bundesländern wurde das Thema „Nahversorgung im ländlichen Raum" nicht so stark konzeptionell ausgearbeitet, so dass sich unterschiedliche Konzepte entwickelt haben. Das sind zum einen auch Konzepte mit selbständigen Kaufleuten oder eben Bürgerläden.

 

Wie sehen Sie die künftige Entwicklung von Genossenschaften? Wo gibt es Verbesserungsbedarf?

Mathias Fiedler: Das Interesse an Genossenschaften ist in den vergangenen Jahren sehr viel größer geworden. In den Zeiten der Finanzkrise ist es den Menschen bewusst geworden, dass es nicht nur um Renditeerwirtschaftung gehen kann, sondern dass auch die Nachhaltigkeit berücksichtigt werden muss. Gerade Genossenschaften, die ihren Mitgliedern einen Nutzen erbringen wollen, sind dafür geeignet. Denn der Nutzen soll nicht nur einmalig, sondern dauerhaft zur Verfügung gestellt werden. Dazu müssen die Organe der Genossenschaft so wirtschaften, dass die Leistungsfähigkeit auch in der Zukunft gewährleistet ist - also auf Nachhaltigkeit achten. Und das kommt heutzutage besser an als das Versprechen von kurzfristiger Rendite. Verbesserungsbedarf sehen wir insbesondere bei Kleinstgenossenschaften. Vor allem geht es um die Befreiung von Pflichten, die im Verhältnis zum Ausfallrisiko bei Kleinstgenossenschaften nicht angemessen erscheinen.

 

Wer kann sich an den Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften wenden, wenn er vor entsprechenden Entscheidungen steht? Und welche Unterstützung kann er durch den ZdK bekommen?

Mathias Fiedler: Unser Verband unterstützt Initiativen zur Bildung von Genossenschaften von Einzelpersonen, aber auch von Freiberuflern. Wir helfen bei der Aufstellung der Satzung und den Gründungsformalien. Ebenfalls unterstützen wir die Initiative bei der für die Eintragung erforderlichen Gründungsprüfung durch einen Prüfungsverband. Hier können wir durch eine Vorprüfung des Wirtschaftskonzeptes helfen, dass das Prüfungsgutachten des Prüfungsverbandes positiv ausfallen wird.

 

Welche Vorteile bietet eine Mitgliedschaft im ZdK?

Mathias Fiedler: Der Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften unterstützt seine Mitglieder auch nach der Eintragung. Wir sind zum einen ein Interessenvertretungsverband, der die Interessen der Mitglieder, die meist kleinere Genossenschaften sind, gegenüber Politik und Verwaltung vertritt. Darüber hinaus bieten wir Hilfeleistungen durch Broschüren und Schulungsveranstaltungen und helfen so den Menschen, die in den Mitgliedsunternehmen als Organmitglieder Verantwortung tragen.