Dorfläden sind bundesweit im Kommen

K i e l MT 13.08.2013 - Das Thema „Bürgerengagement für Dorfläden im ländlichen Raum" hat Gisa Steffens von der HafenCity Universität in Hamburg (HCU) ganz aktuell untersucht. Für ihre Bachelor-Arbeit hat sie mit einer Reihe von Ladenbetreibern und Genossenschaften in Deutschland gesprochen. Im Interview erläutert Gisa Steffens die Ergebnisse Ihrer Recherchen und Ausarbeitung.

 

 

Frage: Wie sind Sie auf das Thema Dorfläden gekommen? Was hat Sie daran besonders gereizt?
Über ein Studienprojekt zu Energiegenossenschaften bin ich auf genossenschaftlich organisierte Lebensmittelgeschäfte gestoßen. Ich fand es interessant, wie Bürger Bereiche der Infrastruktur in die eigene Hand nehmen, selbst organisieren und auch Defizite ausgleichen, die sich durch die marktwirtschaftliche Ausrichtung ergeben. Den Lebensmitteleinzelhandel kannte ich schon durch meine frühere Tätigkeit als Marktforscherin. Zudem habe ich festgestellt, dass der Bereich des Bürgerengagements bei Dorfläden bisher zu wenig betrachtet wurde.

Gisa Steffens (Mitte) mit Christina Pfeiffer und Hermann-Josef

Thoben vom Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft,

Umwelt und ländliche Räume

 

 

Frage: Welche unterschiedlichen Modelle und Formate von Dorfläden gibt es derzeit in Deutschland?
Es gibt eine Vielzahl von Betreiber-Modellen für Dorfläden: vom alteingesessenen selbstständigen Kaufmann über die Filiale einer Handelskette oder sozialer Träger bis zu Läden, die von Bürgern oder Kommunen organisiert werden.
Einige Geschäfte sind an bestimmte Vertriebskonzepte gebunden. Das können Kleinflächenkonzepte des Handels sein wie zum Beispiel „Um‘s Eck", „Lädchen für alles" oder Konzepte von Integrationsmärkten.
Bei einigen Formaten ist die Mitwirkung der Bürger ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts wie bei DORV (Dienstleistung und Ortsnahe Rundum Versorgung) oder MarktTreff in Schleswig-Holstein. Daneben gibt es eine Vielzahl von Geschäften, die selbstständig und frei agieren.
Man kann Dorfläden auch nach dem „Drumherum-Angebot" einteilen. Besonders Dorfläden, die stark auf die Mitwirkung von Bürgern bauen, verstehen sich als Kommunikationsorte. Das kann eine kleine Café-Ecke sein und geht bis zu eigenen Treff-Räumlichkeiten. Bei Modellen wie DORV und MarktTreff können im selben Gebäude weitere Angebote wie zum Beispiel Ärzte oder Bildungsanbieter dazukommen, um den Treffpunkt und die Frequenz über zusätzliche Dienstleistungen zu stärken.

 

Frage: Wie engagieren sich die Bürgerinnen und Bürger für „Ihre" Dorfläden?
Beim Bürgerengagement muss man klar unterscheiden zwischen Geschäften, die von selbstständigen Kaufleuten geführt werden, und Läden, die von Bürgern betrieben werden. Bei ersteren beschränkt sich das Engagement auf den bewussten Einkauf. Das kann bei verhältnismäßig wenigen Einwohnern im Einzugsbereich für den Kaufmann das wirtschaftliche Überleben bedeuten.
Bei den Bürgerläden engagieren sich die Bürger finanziell, zum Beispiel durch Anteilskauf an der Dorfladengenossenschaft oder der Betreiber-GmbH. Dazu kann ehrenamtliche Mitarbeit kommen im Verkauf, beim Einräumen der Ware, der Reinigung der Geschäftsräume, Dekoration oder Lieferdienste bis zu Management-Tätigkeiten. Das kann sowohl der Bürgermeister sein, der sich für den Laden engagiert, oder auch einzelne Bürger, die das Bestell- und Rechnungswesen abwickeln. Einige Geschäfte haben einen Beirat, der Preisvergleiche und Testkäufe durchführt oder Verbesserungen vorschlägt.
Bei manchen Geschäften engagieren sich die Bürger im Umfeld wie bei MarktTreff. Hier steht das Engagement für den Treffbereich, die Organisation von Festen und Besuchsanlässen im Mittelpunkt.
Es gibt viele Orte, in denen Bürger sich schon seit Jahren ehrenamtlich und finanziell für „ihren" Laden engagieren, im Osten jedoch seltener als in den alten Bundesländern.

 

Frage: Bürgerengagement für Dorfläden - was sind aus Ihrer Sicht die Erfolgsfaktoren?
Zunächst benötigt ein Dorfladen, der auf bürgerschaftlichem Engagement aufbaut, „Zugpferde". Das sind Menschen, die im Dorf verankert sind, die für die Idee werben und damit bei Mitbürgern das Interesse wecken und diese mitziehen. Diese Rolle spielen häufig Bürgermeister oder Vereinsvorsitzende.
Die Bürger sollten von Anfang an in die Planung für einen Dorfladen mit einbezogen werden. Zu einem frühen Zeitpunkt ist zum Beispiel in einer Bürgerversammlung zu überprüfen, ob überhaupt Interesse an einem Geschäft besteht. Ohne breite Basis für das Engagement ist ein Ladenbetrieb zum Scheitern verurteilt.
Es gibt eine einfache Formel: die Anzahl der Haushalte, die sich finanziell oder ehrenamtlich beteiligen würden. Dieser Anteil sollte schon 50 Prozent der Haushalte im Dorf betragen.
Ein weiterer Erfolgsfaktor für das Bürgerengagement ist der „angemessene" Einsatz von Ehrenamtlern. Idealerweise kümmert sich ein Profi um die freiwilligen Helfer, setzt diese entsprechend ihren Fähigkeiten ein und führt bei Bedarf auch mal „ernste Gespräche", ohne die Helfer zu demotivieren.

 

Frage: Welche Erkenntnisse haben Sie überrascht?
Drei Punkte: Am meisten überrascht hat mich, dass nicht alle Personen, die sich finanziell oder ehrenamtlich für einen Dorfladen engagieren, diesen auch nutzen und dort einkaufen. Weiter hat mich erstaunt, dass es in der Fachliteratur kaum Hinweise gibt, wie man in der Praxis mit Ehrenamtlern umgeht, die Motivation langfristig erhält oder Konflikte löst. Und drittens habe ich nicht erwartet, dass es eine so große Vielfalt an Modellen gibt.

 

Frage: Wo steht MarktTreff - was können wir von anderen Modellen lernen?
Das MarktTreff-Modell steht im Vergleich wirklich gut da. Es wird allgemein sehr positiv beurteilt und dient anderen Konzepten als Vorbild. Die Kernkonstruktion bei MarktTreff ist ja, dass die Gemeinde das gesamte Vorhaben initiiert und den Betrieb intensiv begleitet. Der Laden wird durch einen selbstständigen Kaufmann betrieben und die Bürger engagieren sich ehrenamtlich im Treffbereich.
Andere Modelle gehen hier weiter und beziehen die Bürger auch finanziell mit ein. Das könnte für MarktTreff künftig interessant sein, denn dadurch wird die Verbindung zum MarktTreff gestärkt.