MarktTreff weiter denken:
Regionale Konzepte haben Zukunft

Kiel MT 27.04.10 - MarktTreff ist ein erfolgreiches Modell für die Grundversorgung in einzelnen ländlichen Gemeinden. Heute steht die Versorgung jedoch auch aus regionaler Sicht vor neuen Herausforderungen. Außer Einkauf und Treffmöglichkeit rücken zunehmend die Themen Gesundheit, Bildung und soziale Dienste in den Fokus. Wie kann die Marke „MarktTreff" hier sinnvoll erweitert werden? Wie können regional vernetzte Angebote aussehen? Antworten hierzu gibt eine Interviewserie - zum Start erläutert Prof. Dr.-Ing. Thomas Krüger, HafenCity Universität Hamburg, seine Sicht und zeigt Perspektiven auf.

Frage: Wie ist es um den Einzelhandel in ländlichen Regionen bestellt?

Krüger: Der Einzelhandel, insbesondere im Bereich Lebensmittel, steht unter einem starken Wettbewerbsdruck. Dies gilt für den ländlichen Raum genauso wie für die Stadt. Einer der Gründe: Wir haben es heute mit hybriden Kunden zu tun - das heißt, es besteht sowohl ein Trend zum preisgünstigen, schnellen Einkauf, vor allem bei Discountern als auch zum „Sich-etwas-Gönnen und Verwöhnen". Auf diese widersprüchlichen Anforderungen muss der Einzelhandel eine Antwort finden. Falls er denn überhaupt noch vertreten ist. Viele ländliche Gemeinden - und übrigens auch Stadtquartiere - haben gar keinen Einzelhandel mehr.

 

Frage: Welche Beispiele gibt es für erfolgreiche neue Konzepte und Trends?

Krüger: Zunächst einmal: Wir beobachten den weiter zunehmenden Trend zur Individualisierung, der zum Teil auch verbunden ist mit einem Gefühl der Vereinzelung und Überforderung. Daraus wächst bei vielen Menschen der Wunsch nach Kontakt, nach Echtheit, Genuss und Entspannung. Wir erkennen hier die Sehnsucht nach einem „third place" - dem dritten Ort neben Wohnen und Arbeiten, wo diese Bedürfnisse erfüllt werden. Deshalb sind Anbieter mit den Schwerpunkten Convenience und Aufenthaltsqualität, Regionalität und Wir-Gefühl so erfolgreich. Sehen Sie sich in den Metropolen Kaffeehausketten an wie „Starbucks", „Balzac" oder die Vielzahl neuer, individueller Läden. Deren Konzept reagiert auf diese Entwicklungen und Ansprüche. MarktTreffs könnten dies letztlich im Kleinen im ländlichen Raum auch bieten - und tun dies zum Teil ja bereits.

 

Frage: Worin sehen Sie die Stärken von MarktTreff?

Krüger: MarktTreffs bieten Vieles unter einem Dach. Die Bündelung verschiedener Angebote vom Einkaufen über Dienstleistungen bis hin zu Treffpunkten, Veranstaltungen und Kommunikation. Das ist in dieser Form und Vielzahl einzigartig in Deutschland. Ich bin relativ häufig auf dem Lande unterwegs. Man spürt, dass dieses Konzept stimmig ist und ankommt. Aber es kommen neue Engpässe auf, zu deren Bewältigung vielleicht auch das Konzept der MarktTreffs beitragen könnte. Denken Sie nur an die Gesundheitsversorgung.

 

Frage: Welche Rolle spielen dabei AktivRegionen?

Krüger: Nach meiner Kenntnis und Beobachtung haben AktivRegionen heute vielfach ihre Schwerpunkte in den Bereichen Tourismus, Energie und Natur, jedoch kaum im Alltag der hier lebenden Menschen, etwa in der Nahversorgung. Hier kann eine stärkere Orientierung hin zu Themen wie beispielsweise Einkaufen, Gesundheitsversorgung und Bildung sinnvoll und notwendig sein. Lokal getragene Ansätze wie die MarktTreffs und regionale Modelle, die in den AktivRegionen entwickelt werden, könnten hier verbunden werden.

 

Frage: Welche Perspektiven sehen Sie für MarktTreff?

Krüger: Das Konzept ist gut, und wo immer Gemeinden sich engagieren sollte man eine individuelle Lösung entwickeln. Wenn meine Studentinnen und Studenten einen MarktTreff kennen lernen, sind sie häufig ganz überrascht und begeistert. Diese Qualität und Vielfalt sowie das Engagement für jeden einzelnen Kunden traut man den kleinen Läden nicht zu.
Aber man sollte heute weiter denken - und gerade im Zusammenspiel mit AktivRegionen neue regionale Modelle entwickeln. Warum sollen nicht mehrere Gemeinden einen MarktTreff gemeinsam entwickeln und tragen? MarktTreff 2.0 sozusagen ...

 


Prof. Dr.-Ing. Thomas Krüger leitet das Arbeitsgebiet Projektentwicklung und -management im Fachbereich Stadtplanung der HafenCity Universität Hamburg (HCU). Krüger kennt die ländlichen Räume Schleswig-Holsteins bereits intensiv aus seiner vorherigen Tätigkeit bei der LEG, Landesentwicklungsgesellschaft Schleswig-Holstein.

Ergänzend zum Interview ein Zitat aus dem Exkursionsbericht „An der Peripherie der Metropole" der HafenCity Universität Hamburg, betreut von Prof. Thomas Krüger, vom 2. bis 5. Juni 2009:
„Besonders beeindruckt hat mich der Termin beim Markttreff in Brodersby. Dieses Projekt zeigt, was mit Engagement und Überzeugung erreicht werden kann, sobald sich einige Leute für ihre Überzeugung einsetzen. Zudem ist es ein gelungenes Beispiel dafür, mit welch vergleichsweise kleinen Mitteln, einem Gebiet, in diesem Fall einem kleinen Ort, zu einer gravierenden Veränderung verholfen werden kann. Damit verbunden ist der immense Wandel der Lebensqualität für die Bevölkerung des Ortes. Lange Wege zu Supermärkten entfallen und das gemeinsame Leben hat einen Platz an dem es stattfinden kann."
Simone Wolter, Studentin der Stadtplanung im 6. Semester, HafenCity Universität Hamburg