MarktTreffs helfen Niedersachsen weiter

K i e l  MT 29.09.2009 - Wenn eine Gemeinde ihren letzten Gasthof und ihr einziges Lebensmittelgeschäft verliert, schrillen die Alarmglocken. So geschehen im niedersächsischen Steinau im Landkreis Cuxhaven.  Aber die Bürger ergriffen Eigeninitiative und bemühen sich jetzt darum, eine neue Dorf- und Lebensmitte zu schaffen. Am 26. September haben rund 25 Bürger die MarktTreffs in Gülzow und Koberg besucht, um sich über die dortigen Angebote und Erfahrungen zu informieren. Begleitet wurden sie bei ihrer Tour von Günter Lühning, dem Initiator des Dorfladen-Netzwerkes in Niedersachsen.

Lühning kennt die Situation aus eigener Praxis: Als 2001 in seiner Gemeinde Otersen im Landkreis Verden die Betreiberin des örtlichen Ladens in den Ruhestand geht, packt er an. Er organisiert eine Bürgerversammlung, forciert die Gründung einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts mit Beschränkung der Haftung auf das Gesellschaftsvermögen (GbRmbH) und gewinnt 60 Gesellschafter für das Dorfladen-Konzept. Heute ist der Sparkassen-Filialdirektor ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Gesellschaft. Zudem betreibt er die Internet-Plattform www.dorfladen-netzwerk.de, die umfassend über Nahversorgungskonzepte berichtet. Im Interview schildert er seine Erfahrungen.

 

Wie sind Sie zum Dorfladen gekommen?

Lühning: „Als unser Lebensmittel-Geschäft zu schließen drohte, war für mich klar: Wir müssen handeln. Meine Motivation war es, allen Dorfbewohnern gleich welchen Alters die letzte Einkaufsmöglichkeit im Dorf zu erhalten. Wir haben von Beginn an die Bevölkerung beteiligt, sicherlich ein Schlüssel zum Erfolg. Heute sind 80 von 140 Haushalten direkt und über einen Förderverein an unserer Bürgergesellschaft beteiligt, die den Dorfladen betreibt. Unsere Leute wissen, dass das Einkaufen im Dorfladen manchmal teurer ist als beim Discounter in der nächsten Stadt, dafür sparen sie aber Zeit und Benzinkosten für 30 Kilometer Hin- und Rückfahrt." 

 

Welche Strategie fahren Sie im Dorfladen?

Lühning: „Wir bieten auf 150 Quadratmeter Verkaufsfläche etwa 2.000 verschiedene Artikel und decken damit den täglichen Bedarf unserer Kunden. Lebensmittel, Getränke, Tiefkühlprodukte, Obst und Gemüse, Molkereiprodukte, leckere Backwaren aus einer Landbäckerei und Fleisch- und Wurstwaren sowie Käse in einer Bedientheke gehören zum Dorfladen-Sortiment. Mit Markenprodukten und den Eigenmarken „Hofgut" sowie „Meine Preiswerten" fahren wir eine „Zwei-Produkt-Strategie". Unsere Kunden können zwischen Markenqualität und Discountpreis wählen, dadurch konnten wir 2009 gegen den aktuellen Trend unseren Umsatz steigern."

 

Was bieten Sie ihren Kunden an zusätzlichem Service?

Lühning: „Ein Dorfladen kann den großen Supermarktketten in Preis und Vielfalt nicht das Wasser reichen. Deshalb setzen  wir vor allem auf besondere Aktionen und Service. Es gibt zum Beispiel Markttage, einen Party-Service für die Familienfeier, Getränke auf Kommission, eine Versandhaus-Bestellagentur. Das kommt gut an. Mittlerweile entscheiden sich junge Familien bewusst für Otersen: wegen der günstigen Bauplatzpreise, wegen des Kindergartens - und des Dorfladens."

 

Haben Sie noch Expertentipps parat?

Lühning: „Ein Dorfladen ist nicht nur Lebensmittel-Markt sondern Lebens-Mittelpunkt für ein Dorf. Ohne Einkaufsmöglichkeit vor Ort geraten Dörfer schnell auf den Weg zum Schlafdorf mit negativen Auswirkungen auf die Zukunftsfähigkeit und die Immobilienpreise. Deshalb sind folgende Punkte wichtig:

1. Den Bürgern ist zu empfehlen, hinter ihrem Dorfladen oder MarktTreff zu stehen und sich durch viele Einkäufe vor Ort
    und - falls möglich - auch als Gesellschafter zu engagieren.

2. Für einen Dorfladen sind engagierte Mitarbeiterinnen notwendig, die kundenorientiert die Bedürfnisse von Jung und Alt
    im Dorf erfüllen.

3. In Geschäftsführung und / oder Aufsichtsrat sollten sich kaufmännisch oder betriebswirtschaftlich erfahrene Bürger
    engagieren. In meinem Dorf erledigt ein kaufmännisch erfahrener Ruheständler gegen eine kleine
    Aufwandsentschädigung die gesamte Buchführung und Bilanzerstellung.

4. Eine Landbäckerei und eine regionale Fleischerei sollten qualitativ gute Produkte liefern, die im Frische-Bereich
    verkauft werden.

5. Um im schwierigen Lebensmittel-Einzelhandel nachhaltig bestehen zu  können, sollte ein leistungsstarker
    Lebensmittel-Lieferant, der sich dem kleinen, dörflichen Einzelhandel verbunden fühlt, gefunden werden."

 

Wie gefallen Ihnen die MarktTreffs in Gülzow und Koberg?

Lühning: „Ich habe bewusst die beiden MarktTreffs in Gülzow und Koberg ausgewählt, um die Bandbreite der MarktTreffs transparent darzustellen. Besonders gut gefällt mir die Kombination aus Dorfladen (LebensmittelMARKT) und Dorfgemeinschaftshaus bzw. gastronomischem Angebot (DorfTREFF), die sich der Größe eines Dorfes anpassen lassen. Ob Dorfladen in Niedersachsen oder MarktTreff in Schleswig-Holstein: Beide Modelle sind nicht nur Lebensmittelmärkte, sondern Lebens-Mittelpunkte eines Dorfes und eine zukunftsweisende Antwort auf die Herausforderungen des demographischen Wandels im ländlichen Raum."

 

Ihr wichtigster Rat an die Bürger aus Steinau nach dem Besuch der MarktTreffs?

Lühning: „Die Einwohner in Steinau sollten aus der jetzigen Not (Schließung von zwei Gasthäusern und dem letzten Lebensmittelgeschäft) einen zukunftsfähigen Neustart machen. Da frei nach Hermann Hesse „jedem Ende auch ein Anfang innewohnt", sollten Gemeinde und Einwohnerschaft an einem Strang ziehen und ein neues Dorfzentrum mit Gastronomie und Dorfladen schaffen. Dabei können die Steinauer von den Erfahrungen der MarktTreffs und Dorfläden sicherlich profitieren."

 
   

 

Detaillierte Informationen über den Besuch der Bürgergruppe aus Steinau in den MarktTreffs Gülzow und Koberg erhalten Sie unter

 

http://dorfladen-netzwerk.de/2009/09/markttreffs-bollwerke-gegen-die-verodung-eines-dorfes/

 

http://dorfladen-netzwerk.de/2009/09/nicht-verhungert-aber-7-km-fur-jedes-brotchen/