Helga Klindt: Ehrenamt allein kann es nicht richten
MarktTreffs wichtiges Element bei der Grundversorgung

Scheidende Präsidentin des LandFrauenVerbandes Schleswig-Holstein im Interview

Helga Klindt 

Passade MT 12.03.2009 Seit drei Jahrzehnten engagiert sich die gebürtige Meimersdorferin Helga Klindt auf verschiedenen Vorstandsebenen des LandFrauenVerbandes Schleswig-Holstein (davon 20 Jahre im Landesvorstand) für die Frauen im ländlichen Raum und die Interessen des landwirtschaftlichen Berufsstandes. Jetzt gab die 65-jährige Präsidentin des LFV - wie es die Statuten vorsehen - das Amt in jüngere Hände. Helga Klindt, Mutter von drei Söhnen und vierfache Großmutter, schaut im Gespräch zurück - und blickt zugleich hoffnungsvoll nach vorn.

 

Seit wann sind Sie bei den Landfrauen aktiv?

 

Helga Klindt: Bei mir war es 1970 ein nahtloser Übergang, nachdem ich mich bereits zuvor in der Landjugend engagiert hatte, auch als 1. Landesvorsitzende.

 

Was hat sich in der Zeit verändert?

 

Helga Klindt: Die Lebensmuster der Frauen insbesondere im ländlichen Raum haben sich gewandelt, Frauen, die eine gute Ausbildung haben, möchten heute die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auch die Stellung der Frauen in den landwirtschaftlichen Betrieben hat sich gewandelt. Waren Frauen früher neben Haushalt und Familie nicht viel mehr als Hilfskräfte auf dem Hof, so sind sie heute Mitunternehmerinnen, oft Managerinnen (im Hintergrund) oder erfolgreiche Entwicklerinnen neuer Geschäftsideen. „Urlaub auf dem Bauernhof" oder die zahlreichen Hofcafés wären ohne die Initiative engagierter Frauen nie entstanden und hätten sich nicht zu wirtschaftlich wichtigen Faktoren für die Betriebe entwickelt. Die LandFrauen haben dabei eine entscheidende Rolle gespielt - und spielen sie weiter. So haben wir dazu beigetragen, dass in so manchem Betrieb aus dem ursprünglichen Nebenerwerb jetzt der Haupterwerb geworden ist.

Unsere Aufgabe ist es also, Entwicklungen zu erkennen und Frauen durch Angebote zur Qualifizierung, das Aufzeigen von Chancen, die Sensibilisierung und Ideenfindung zu unterstützen.

 

Wie ist der LandFrauenVerband Schleswig-Holstein für die Zukunft aufgestellt?

 

Helga Klindt: Wenn wir bei unseren Angeboten und Aktionen weiter auf Qualität setzen - wie es bei unseren qualifizierenden Kursen zur Fachfrau für Ernährung, der Schulaktion „Pausenapfel", dem Umweltprojekt „60 Jahre - 60 Pflanzen", der Fortbildung zur Kräuterfachfrau oder unserem Projekt Büroagrarfrau mit zertifiziertem Abschluss der Fall ist - werden wir Frauen im ländlichen Raum neue Perspektiven eröffnen können. Das ist zugleich auch ein Impuls, um die ländlichen Räume in Schleswig-Holstein weiterzuentwickeln. Zugleich ist das soziale Miteinander, das die Vereine unseren rund 38.000 Mitgliedern bieten, nicht zu unterschätzen und ein solides Fundament für generationsübergreifendes Miteinander in den Dörfern.

 

Wie sehen Sie die Chancen der ländlichen Räume?

 

Helga Klindt: Grundsätzlich brauchen wir das Bekenntnis, dass wir den ländlichen Raum in Schleswig-Holstein lebenswert erhalten wollen. Das bedeutet: Wir brauchen hier auch Arbeitsplätze - denn ausschließlich Ehrenamt, aber keine Erwerbsarbeit wird nicht funktionieren. Wenn wir uns also zum ländlichen Raum bekennen, werden wir immer wieder neue Chancen haben, ihn weiterzuentwickeln. Wichtiges Thema ist dabei die Grundversorgung - und zwar in großer Bandbreite. Da leisten die MarktTreffs in den Dörfern, die landesweit vom LandFrauenVerband mit unterstützt und vor Ort oft von LandFrauenVereinen mit entwickelt werden, einen wichtigen beispielhaften Beitrag. Es gilt aber auch, Möglichkeiten zu erhalten oder gar neu zu schaffen, wie Senioren betreut oder Mobilität erhalten werden kann. Ein Thema der Zukunft wird die ärztliche Versorgung in den Dörfern sein. Rein betriebswirtschaftlich werden wir all diese Herausforderungen nicht meistern können. Vielleicht ist die Zeit wieder reif, auf einst so bewährte Einrichtungen wie die Gemeindeschwester zeitgemäß zurückzugreifen.

 

Was bedeutet dies für ehrenamtlich Engagierte wie die LandFrauen?

 

Helga Klindt: Wir müssen mehr Menschen für diese wichtigen Themen sensibilisieren und sie dazu ermutigen, ehrenamtlich daran mitzuwirken, die Probleme zu lösen.

 

Welche Rolle spielen dabei die AktivRegionen?

 

Helga Klindt: Die AktivRegionen sind gute Plattformen, um unser ehrenamtliches Engagement mit einzubringen. Dabei liegt die Betonung auf dem „mit", denn Investoren und Wirtschaft sind ebenso gefordert. Das Ehrenamt allein kann die vor uns liegenden Aufgaben nicht bewältigen.

 

Wo sehen Sie besondere Baustellen für den LandFrauenVerband?

 

Helga Klindt: Uns muss es gelingen, gerade jüngere Frauen für unsere Arbeit zu gewinnen. Aber dies ist bei fast allen Verbänden ein schwieriges Thema, wie Sie wissen. Wir müssen deutlich machen, was unsere Ziele sind, welche Lobbyarbeit wir leisten und wie wichtig sie ist, welche Vorteile Frauen von einer Mitgliedschaft im LandFrauenVerband haben, das gilt für Frauen von landwirtschaftlichen Betrieben - ebenso wie für Frauen aus anderen Bereichen.

 

Die LandFrauen haben stets neue Konzepte umgesetzt. Jetzt startet das Projekt „Kochen für Kids". Was verbirgt sich dahinter?

 

Helga Klindt: Die Bedeutung der Ernährung, im LFV schon immer ein Schwerpunkt, ist in den letzten Jahren endlich in den Fokus gerückt. Mit unseren Fachfrauen für Ernährung haben wir eine ausgezeichnete Basis, das Thema Ernährung Kindern und Eltern näher zu bringen. Dem soll das Projekt „Kochen für Kids" dienen. Außerdem läuft im Moment der AID-Ernährungsführerschein an Schulen genauso wie vier Projekte für ältere Schüler, die vom Bildungs- und Sozialministerium mit unterstützt werden. Zugleich gibt es von LandFrauenVereinen im nördlichen Schleswig-Holstein Überlegungen, gemeinsam mit MarktTreffs „Gesundes Kochen mit regionalen Produkten" zu thematisieren.

 

Wofür haben Sie jetzt ohne Präsidentinnen-Amt mehr Zeit, was sind Ihre nächsten Pläne?

 

Helga Klindt: Ich möchte gern mit meinem Mann mehr reisen - auch wenn ich weiter auf Landesebene aktiv bin wie zum Beispiel in den Vorständen der LandwirtschaftlichenSozialversicherung, der Akademie für die Ländlichen Räume oder dem Schleswig-Holsteinischen Freilichtmuseum. So planen mein Mann und ich jetzt eine Urlaubsreise - bevor die Saison auf unserem Himbeerhof Moorhörn bei Probsteierhagen beginnt.

 

Mit Helga Klindt hinter dem Tresen des Hofladens und im Bauernhofcafé?

 

Helga Klindt: Ja natürlich - nur in diesem Jahr vielleicht zum ersten Mal mit weniger Termindruck und noch mehr Zeit für unsere Gäste.